Willkommen
Matthias Rürup
Zur Erklärung
Dieses Verfahren, meine neuesten Gedichte nur für eine kurze Zeit hier öffentlich zu machen, ist der von mir gefundene Kompromiss zwischen meinem Anliegen, mit meiner Lyrik möglichst schnell und umfassend in die Öffentlichkeit zu streben (dem Gesehen-und-gelesen-werden-Wollen), und der verbreiteten Praxis in Wettbewerben und bei Verlagspublikationen , dass schon veröffentlichte Texte unerwünscht sind.
Im Hintergrund scheint dabei bei den Verlagen und Wettbewerben die Einschätzung zu stehen, online publizierte Texte seien "verbrannt" und unverkäuflich, da sie die interessierende Käufer:innengruppe längst erreicht hätten. Ich halte dies sowohl für falsch als auch unzeitgemäß. Denn einmal bieten Bücher mit einer professionellen Aufmachung und Haptik - und insbesondere mit ihrer linearen Reihung und Gegenüberstellung von Einzeltexten - einen deutlichen Mehrwert. Zum anderen sind eben in Zeiten des Internets die Verlage eben nicht mehr die alleinigen Torwächter:innen zur Öffentlichkeit: die Schubladen der Autor:innen, die sich ja auch früher schon für Brieffreund:innen und Lesekreise öffneten, haben heute andere Orte und Möglichkeiten. Sie künstlich offline und verborgen zu halten, scheint mir lebensfremd - auch wenn dies die Stellung der Verlage im Publikationswesen und ihr Geschäftsmodell relativiert und gegebenenfalls verändert.
Allerdings, an diesen Verlagsregeln lässt sich allein und durch einen Nachwuchs-Autoren, wie ich es nun einmal bin, wenig ändern - so dass ich mich mit der Idee einer nur zeitweiligen Veröffentlichung der jeweils neuesten Texte diesen Vorgaben letztlich anpasse und unterwerfe, Insofern lohnt ein gelegentliches Zurückkommen und Blättern auf den folgenden Blogseiten: Was hier zu lesen ist, verschwindet immer wieder - auch der neueste Text ist bald schon wieder weg.
Wiederveröffentlicht: Eine Gemeinschaftsrezension mit Sigune Schnabel zu Karin Flörsheim
(NACHTRAG: Inzwischen ist die Plattform fixpoetry als Gründen mangelnder Finanzierung offline gegangen; die dort ursprünglich im Juli 2017 veröffentlichte Rezension wird deshalb hier im Beitrag eingefügt)
Zwei Rezensenten / eine Meinung - Der neue Gedichtband von Karin Flörsheim: „Das Lied der Amsel vermisse ich sehr“
Karin Flörsheim hat einen Lyrikband vorgelegt, der jenseits des postmodernes Diskurses eine bemerkenswerte poetische Kraft entfaltet, besonders spürbar mit Blick auf den biographischen Kontext der Autorin. Zu dieser gemeinsamen Einschätzung kommen Sigune Schnabel und Matthias Rürup in einer aus zwei –dialogisch aufeinander bezogenen– Teilen bestehenden Rezension.Teil 1 (Matthias Rürup):
Insofern war ich sofort von der Idee angetan, beglückt geradezu, mit dir – Sigune – zusammen eine Rezension zu verfassen: Als Gelegenheit aus der potentiellen Enge und Eingefahrenheit meiner Perspektive herauszukommen und vielleicht einen wieder produktiveren Zugang zur Tätigkeit des Rezensierens zu finden.
Und dankbar bin ich für deinen Vorschlag, uns gemeinsam an dem gerade im Geest-Verlag erschienenen Band von Karin Flörsheim "Das Lied der Amsel vermisse ich sehr" zu versuchen. Und noch etwas möchte ich gleich einleitend hervorheben – es führt unmittelbar zum thematischen Kern meiner Auseinandersetzung mit diesem Gedichtband: Ohne die Möglichkeit, der Buchvorstellung in Düsseldorf Anfang Juni persönlich beizuwohnen und die Autorin in ihrem eigenen Umfeld zu sehen, hätte ich womöglich auch zu diesem Gedichtband keinen Zugang gefunden. Allerdings nicht – wie bei den zuletzt rezensierten – aufgrund ihrer, ich sag mal pauschal-vereinfachend, Künstlichkeit. Bei dem Band von Karin Flörsheim hätte mich – ohne Autorenbegegnung – im Gegenteil das Übermaß an Echtheit frappiert, erkennbar am weitgehenden Verzicht auf literarische Verfremdung, Verschiebung oder auch Brechung der herangezogenen Wort- und Bildwelten.
Nun habe ich aber die Autorin gesehen: alt, klein und zart bis zur Zerbrechlichkeit und zugleich offensichtlich – trotz oder wegen des hohen Alters, der fortgeschrittenen Erblindung, der selbst ironisch kommentierten Vergesslichkeit – eine erfahrene, starke, widerspenstige und humorvoll-spröde Frau, die zurückblicken, die urteilen kann, die weiß, wovon sie redet, was sie tut und warum genau so.
Was mir angesichts der Person und ihrer Gedichte begegnete / entgegenblickte, war wohl, um es auf einen Begriff zu bringen, mein eigener postmoderner Zynismus: Man kann doch, so bin ich eigentlich und unausgesprochen überzeugt, heute-hier-jetzt nicht mehr einfach, direkt und klar "Frieden" oder "Frohsinn" als einzelnes Wort auf eine einzelne Verszeile setzen oder von „Mutter Erde“, von „Engeln“, der „Seele“ sprechen ... das glaubt doch keiner mehr, da empfindet doch niemand mehr etwas. Das ist doch nur Behauptung. Das ist leer!
Und trotzdem macht Karin Flörsheim genau das: verwendet sie in ihren Gedichten eine auf die basalen Hauptworte des Lebens reduzierte Sprache – mit einem sichtlich ungebrochenen, unironisierten Blick auf Natur (Sonne, Mond und Sterne) und romantisch-religiöse Symbolwelten. Diese Texte sind ernst, ein ernstes – geradlinig-unverstellt-gefühlvoll-ehrliches – Schauen … fast naiv erscheinend, wäre da nicht die Tiefe eines gelebten Lebens und des nahenden, schon fühlbaren eigenen Sterbens, das die Texte für mich immer wieder ergreifend und insistierend werden lässt – trotzdem oder gerade weil die überraschende Wendung, die besondere Idee des Textes manchmal ausbleibt oder nur klein ausfällt. Ein Beispiel zur Dokumentation (S. 119): Stunde um Stunde
Stunde um Stunde
entblättert sich
die Aster der Mohn
Aus dem Kalender
fallen die Tage
Ohne Duft
blühen rote Rosen
in den Vorgärten
der schönen Häuser
verblühen verwelken
Zu schnell flieht
der Sommer
in den Herbst
mit wenig Sonne
und viel Regen
In voller Blüte
hab ich ihn
noch nicht erlebt
Eines noch bevor ich dir, Sigune die Gelegenheit zur
Entgegnung / Erwiderung überlassen möchte: Was mich bei der Präsentation des
Gedichtbandes irritiert und dann mit einem AHA hat gehen lassen, war, dass mir
die Vortragsweise der reihum von verschiedenen Lesern vorgestellten Gedichte
(die Autorin selbst las nicht) ganz überwiegend nicht gefallen hat. Erst dein
Vorlesen, Sigune, hat mir die Gedichte nahe gehen lassen – weil du, wie mir
auffiel, dich wirklich mit Pausen an die Zeilenumbrüche gehalten und die Worte
reduziert, ohne Pathos gelesen hast. Da – erst da – begannen für mich die Verse
stark zu sein: wenn das eigentlich Erwartbare, dass der Herbst auf den Sommer
folgt, dass er weniger Sonne hat und viel mehr Regen, immer von einem
Einhalten, einem möglichen Überdenken und Abweichen – einer Hoffnung auf eine
andere Aussage und Lösung begleitet wird, die dann eben genau durch das Übliche
– die Regel – enttäuscht wird. Oder wenn, ganz im Sinne eines lauten Denkens /
Abwägens, plötzlich eine so einfache, so entschiedene Offenbarung kommt, dass
sie gerade wegen dieser plötzlichen Direktheit, die ich mir in meinen Texten
wahrscheinlich gar nicht trauen, sie mir nicht erlauben würde, überrascht und
überzeugt. Auch hierzu noch einmal ein illustrierendes Textbeispiel (S. 78):
Weit entfernt von
dieser Welt
zurückgezogen
auch die alten Freunde
aus Alter und
Gebrechlichkeit
Ein Schatten nur
im Weltgeschehen
bin ich im Alter nun
Hände habe ich
und Herz
Mit aller Kraft
sorge ich nun
für meinen Liebsten
Mein Leben gehört ganz ihm
Teil 2 (Sigune Schnabel)
Zunächst unterscheidet uns – wie wir schon festgestellt haben – unsere Herangehensweise an ein solches Projekt. Dich zeichnet vor allem eine wissenschaftliche Perspektive aus; ich gehe vielmehr vom persönlichen Empfinden, vom Lesen als Erlebnis aus. Zwar verfolge ich auch den aktuellen Lyrikdiskurs. Versuche wie beispielsweise die Bewertung von Gedichten auf Grundlage der am häufigsten in der Lyrik vorkommenden Begriffe (siehe: https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/david-krause/gedicht-aus-die-umschreibung-des-flusses, inzwischen leider offline) wirken dagegen eher befremdlich auf mich. Dennoch möchte ich hier dieses Modell erwähnen, da du – ohne den Text von Clemens Schittko als Ausgangsbasis zu nehmen – eine ähnliche Beobachtung machst. Nimmt man nun das von dir als erstes zitierte Gedicht, findet man sechs der häufigsten Substantive wieder (Tage, Rosen, Häuser, Sonne, Regen, Blüte). Und doch reicht, wie du selbst bereits angemerkt hast, eine solche Betrachtungsweise nicht aus. Im Fall von Karin Flörsheim entstehen eben nicht bloße Behauptungen oder eine träumerische Weltflucht, da die starke Glaubhaftigkeit und die große Lebenserfahrung einen Gegenpol dazu bilden.
Um also auf deine Frage zurückzukommen, ob Worte wie „Frieden“ oder „Frohsinn“ in der heutigen Zeit noch ohne ironische Brechung verwendet werden können: Ich denke, es geht nicht um einzelne Worte, sondern um das, was der Leser – heute, im Kontext des Textes – dabei empfindet. Und ich als Leser empfinde dabei etwas. In meinen Augen lässt sich der Wert eines Textes nicht an seinen Neologismen messen. Viel wichtiger ist es meiner Ansicht nach, wie die Elemente zueinander in Beziehung stehen und welche Assoziationen und Gefühle dabei ausgelöst werden. Auch die außersprachliche Wirklichkeit spielt, wie deine eigene Erfahrung zeigt, eine Rolle. So lässt sich deine Frage nicht pauschal für die gesamte Leserschaft beantworten. Wer das postmoderne Spiel sucht, ist hier falsch; wer aber schlichte Schönheit bevorzugt und im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit Trost sucht, findet in diesen Zeilen gewiss einen persönlichen Gewinn. Ich stoße jedenfalls immer wieder auf Textstellen, deren Bildhaftigkeit mich innehalten lässt: „Schwarze Tropfen / fallen in meinen / Gedanken-Silberfluss / färben ihn Grau / das Silber läutet nicht“ oder „Dein Herz regnete / scharlachrote / Tropen in den / Mund des Mohns / auf den Feldern / wächst er für dich“. Gewiss, es ist eine weibliche Form der Lyrik. Vielleicht empfindest du als Mann ganz anders, wenn du solche Zeilen liest.
Auch mir geht es immer wieder so, dass ich auf Lesungen einen besseren Zugang zu den Texten finde. So wurde mir der Schmerz des Abschieds, der unvermeidlich mit dem Alterungsprozess verbunden ist, in den Bildern und Masken der Autorin überaus deutlich. Eines dieser Bilder ist auf S. 79 zu sehen, doch ohne die Teilnahme an der Lesung hätte ich es vermutlich nicht in seiner ganzen Tiefe begriffen.
In dieser Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Seins findet oft ein Zweifeln statt („Mein Feuer / […] Wird es weiter brennen / in der Ewigkeit / des Firmaments?“, S. 65), aber auch eine Hinkehrung zum jüdischen Glauben, dem die Funktion des Trostspendens zukommt. Insgesamt spielt die jüdische Tradition eine große Rolle in Karin Flörsheims Lyrik. Das Gedicht auf S. 155 illustriert vielleicht am besten den historischen Kontext, in dem sich die Autorin befindet:
Erinnerung
Am Morgen
am Abend
erinnere ich mich
schwarze Milch
die sie tranken
am Morgen und
am Abend
Mein Herz zieht
Feuer brennt
in meiner Seele
trink ich
rote Milch
am Abend
Bedanke mich
dass mich das
Schicksal verschonte
Der Bezug auf Celans Todesfuge wird hier überdeutlich. Die Milch ist nicht mehr schwarz, sondern rot, und das Gedicht zugleich eine Danksagung an das Überleben.
So haben hier in meinen Augen Substantive wie z. B. „Herz“ eine tiefe Verwurzelung im eigenen Dasein.
Mir drängte sich beim Lesen noch eine andere Frage auf: Wie schreibt eine nahezu erblindete Autorin noch Gedichte? Wie findet die Überarbeitung statt? Oder entstehen die Texte sozusagen aus einem spontanen Guss? Für mich als eine Lyrikerin, die viel an Texten feilt und immer wieder auf die letzte geschriebene Fassung zurückgreift, um daraus noch etwas Besseres zu machen, ist eine solche Arbeitsweise mit einer Vorstellung von Mühseligkeit verbunden, aber auch von besonderer Wachheit und Konzentration, denn gewiss müssen viele Schritte bereits im Kopf stattfinden, vielleicht sogar der ganze Entstehungsprozess, der bei mir eine langsame Arbeit auf dem Papier ist. Zumindest ansatzweise gibt das letzte Gedicht des Bandes Antwort auf diese Fragen:
Gedanken
Gedanken gleichen
einem tiefen See
mit Vergangenheit
Worte
sprießen wachsen
wie Seegras
wie Algen
und wollen ans Licht
Meine Gedanken
verankere ich
in Wortketten
lass sie ruhen
lass sie wachsen
Später binde ich sie
fest an das Papier
Karin Flörsheim: Das Lied der Amsel vermisse ich sehr. Gedichte 2014 – 2016. Mit Bildern der Autorin. Vechta: Geest-Verlag, 2017. ISBN: 978-3-86685-615-8, 163 Seiten, 12,00 €
Wiederveröffentlicht: Rezension zu Ines Geipel und Joachim Walther "Gesperrte Ablage"
(NACHTRAG: Inzwischen ist die Plattform fixpoetry als Gründen mangelnder Finanzierung offline gegangen; die dort ursprünglich im Februar 2016 veröffentlichte Rezension wird deshalb hier im Beitrag eingefügt)
Falsche Leben
Ines Geipel und Joachim Walther berichten über in der DDR verbotene und verkrüppelte literarische Stimmen
Es ist eine erschreckende Sammlung, die Ines Geipel und
Joachim Walther hier vorlegen: an die hundert Einzelschicksale aus vierzig
Jahren DDR, die eines gemeinsam haben – ihre literarischen Ambitionen wurden in
der DDR und durch die DDR (ihre Staatsorgane) verfolgt, beschnitten, bestraft und
gar nicht selten abgewürgt / getötet. 430 Seiten hat dieses im strengen Sinne
quälende Buch. Der geschichtlichen Detaildarstellung voran stehen zwei Essays
der beiden Autoren. Ines Geipel ordnet anlässlich einer neuerlichen Verfilmung
den Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz als verlogenen,
geschichtsklitternden Buchenwald-Mythos ein, der die Verbrechen der KPD-Kapos
und späteren DDR-Funktionäre übertünchen sollte und Joachim Walther äußert sich
zusammenfassend zum Programm des Archivs unterdrückter Literatur der DDR, das
er und Geipel seit 2001 zusammengetragen haben. Dann folgt auf ca. 270 Seiten
eine Chronik des Schreckens: eine Darstellung des andauernden Verfolgungswahns
und der Unbarmherzigkeit des DDR-Regimes gegenüber stärker abweichenden, hinterfragenden
oder den vorgegebenen realistisch-sozialistischen Rahmen verlassenden
Autorinnen und Autoren. Konzentriert auf konkrete Schickale einzelner Personen
oder lokaler Literaturgruppen durchschreitet die Darstellung neben der
Nachkriegszeit alle vier Jahrzehnte der DDR. Ines Geipel schildet dabei die
ersten zwanzig bzw. fünfundzwanzig Jahre bis zum Ende der 1960er Jahre, Joachim
Walther dann die Jahre von 1970 bis 1989. Was dabei deutlich und insbesondere
von Joachim Walther auch explizit so ausgesagt wird, ist, dass die engmaschige
und engherzige staatliche Verfolgung unpassender literarischer Stimmen nicht
nur ein Phänomen der stalinistischen Anfangsjahre war, sondern sich bis in die
Endphase des zweiten deutschen Staates durchzog. Verändert haben sich –
tendenziell – die staatlichen Anlässe und Formen der Intervention sowie die
Härte der Bestrafung, wenngleich der Grundtatbestand der politischen Verfolgung
und der staatlichen – insbesondere geheimdienstlichen – Willkür uneingeschränkt
erhalten blieb. Am Ende des Bandes findet sich neben einem Personenregister und
einem Literaturverzeichnis, das vor allem die ebenfalls von Geipel und Walther bei
der Büchergilde Gutenberg herausgegebenen Bände der Verschwiegenen Bibliothek
aufführt, eine Gesamtaufstellung der im Archiv unterdrückter Literatur in der
DDR erfassten Autorinnen und Autoren mit ihren Biographien, den im Archiv
einsehbaren Texten und ihren sonstigen
Veröffentlichungen.
Die Art der Darstellung und das Anliegen des Bandes
verbieten geradezu eine weitergehende Kommentierung und Einordnung. Persönliche
Schicksale sind gerade wenn es sich um Leidensgeschichten handelt, per se und
eingeschränkt schrecklich, unzumutbar: ein Skandal. Ihre Sammlung als sich –
strukturell ähnlich – immer wieder wiederholende Ereignisse verweist auf menschenverachtende
Muster, gewalttätige Routinen oder sogar verbrecherische Strukturen, die die
DDR prägten. Ob und wie verallgemeinerbar, gesetzmäßig und unabwendbar, nicht
nur an bestimmte historische Konstellationen und Personen gebunden, diese
brutale, zerstörerische staatliche Praxis zu nennen ist, dass können
Einzelfälle allerdings nicht aufklären. Auch wenn das Urteil der beiden Autoren
des Bandes eindeutig ist: Für sie bedeuten all die sichtlich zerstörten Leben
den moralischen Bankrott des gesamten sozialistischen bzw. kommunistischen
Projekts.
Insbesondere Joachim Walther ist bei dieser Verurteilung ausgesprochen
scharf und deutlich. Sie ist in seiner Nacherzählung der
Unterdrückungsgeschichte literarischer Stimmen seit den 1970er Jahren ständig
präsent als mitlaufender und sich steigernder Kommentar. Genau dies schwächt
aber auch die Darstellung – Walther deutet viel stärker als zu zeigen. Er hat,
dass wird deutlich, von vornherein eine Position und muss diese, so als würde
er den Fallgeschichten und dem Urteil der Leserinnen und Leser nicht völlig vertrauen,
immer wieder erklärend und zusammenfassend einbringen.
Ganz anders als Ines Geipel, die in ihrer Schilderung der
ersten zwanzig DDR-Jahre sprichwörtlich gefangennehmende Lebensgeschichten
arrangiert und vorführt: das Leiden, die Verkrüppelung nicht nur benennt und
faktenmäßig aufführt, sondern in geradezu lyrisch zu nennenden Wortkaskaden als
tragisches Schicksal greifbar macht, das man niemanden, wirklich niemanden
wünschen würde. Das ist stellenweise suggestiv und – insbesondere was das
Argumentieren mit rhetorischen Fragen angeht – manchmal auch manipulativ (nicht
mehr wissenschaftlich neutral): aber im Sinne des sichtlich verfolgten Ziels –
betroffen zu machen, das DDR-Regime anzuklagen, es zu verdammen – auf jeden
Fall effektiver.
Dabei gelingt es Geipel auch, dem Leser kräftige Eindrücke
davon zu vermitteln, das hier immer wieder besondere literarischen Stimmen kaputt
gemacht wurden – ihre Eigentümlichkeit und Individualität zu betonen, so dass
ihr staatlich verursachtes Verkümmern als Verlust nachfühlbar wird. Walther
hingegen interessiert sich – zumindest erweckt seine Darstellung den Eindruck –
eher für die politische Positionierung, den Dissidentenstatus der verfolgten
Autorinnen und Autoren und weniger für ihre eigentümliche (zerbrochene,
verhinderte) literarische Stimme. Statt emphatisch zu schildern, bemüht er
lediglich Autorenreferenzen oder eigene (analytische) Wertungen, dass Gabrielle
Stötzer beispielsweise viel emanzipierter und feministischer sei als Christa
Wolf. Oder er referiert über Inhalte und Themen (z.B. seitenlang über die
Einzeltitel und Einzelteile des Fragmentromans von Thomas Körner), statt – wie
Geipel – den eigentümlichen Ton, die Poetologie der Autorinnen und Autoren
herauszuarbeiten. So fällt es teilweise schwer eine innere Beziehung zu den von
Walther dargestellten Literaten herzustellen (also ihre besondere Tragik
mitzufüllen, nicht nur die Tragik und Verwerflichkeit jeglicher politischen
Verfolgung) – insbesondere wenn die exemplarisch abgedruckten Texte entweder
wenig zugänglich /spröde daher kommen (wie zum Bespiel im Fall von Thomas
Körner) oder literarisch nicht recht überzeugen. Merkbar wird dies, wenn die
widergegebenen Autorentexte einmal auch für sich stehen können (aus sich selbst
heraus Kraft haben), wie im Falle der Gedichte von Radjo Monk.
Insofern fallen die beiden jeweils von Geipel und Walther
verfasste Textteile deutlich auseinander: gibt es – stereotypisierend
gesprochen – eine eher weibliche und männliche Seite der Geschichtsdarstellung,
die man sich alles in allem stärker verbunden, weniger kontrastierend gewünscht
hätte. Unabhängig davon ist das Buch zu würdigen als eine fordernde –
insistierende, bisweilen etwas inquisitorische – Lektüre (insbesondere wenn es,
wie den Rezensenten, zur Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und den
zum Glück nicht mehr erlebten Verfolgung einlädt). Man kann, das ist Verdienst
dieses Bandes als auch des dahinter stehenden langjährigen Forschungsprojekts, nun
nicht mehr nicht wissen, wie schlimm, wie eng es war und werden konnte in der
DDR gerade für Menschen, die sich zum literarischen Schreiben gerufen fühlen.
Ines Geipel / Joachim Walther (2015). Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945 – 1989. Düsseldorf: Lilienfeld Verlag. 430 S., ISBN 978-3-940357-50-2, 24,90 €.
Wiederveröffentlicht: Rezension zu Carolin Callies
(NACHTRAG: Inzwischen ist die Plattform fixpoetry als Gründen mangelnder Finanzierung offline gegangen; die dort ursprünglich im Mai 2015 veröffentlichte Rezension wird deshalb hier im Beitrag eingefügt)
Anspruchsvoll/störend: Carolin Callies‘ Phänonomenologie der Sinne
Gedichte müssen nicht
gefallen, sie sollten bewegen! Das sagt sich so leicht, wenn es um Emotion,
Gedanken, um Geschichte geht. Aber wie ist es mit Spucke, Schweiß, Urin und sonstigem
Glibber?
Wie gut, dass es auch andere Stimmen geben wird. Auf dass
dem Lyrik-Debutband von Carolin Callies viel gradliniger, gehäufter und
uneingeschränkter ein wohlwollende Aufnahme zukommen kann, als mir möglich ist.
Denn eigentlich ist gar nichts auszusetzen: sowohl was die Dichte der Gedanken
und Beobachtungen angeht, die Klangtiefe und -vielfalt der Verse (der Humor,
der Ernst, die Selbstironie) als auch bezogen auf den Anregungs- und Überraschungsreichtum der Sprache,
immer dem eigentlichen, dem untergründigem, einem alten Wort-laut nachspürend.
Da könnte ich sogar von „begeisternd“ sprechen.
Und doch: bis zum Gefallen reicht es nicht. Das wird wohl,
so ungern ich es hier zugebe, eher an mir und meiner Fähigkeit, meinem Willen
liegen, mich so sehr auf die Texte einzulassen, wie sie es brauchen und
verdienen. Das zeigte sich mir schon beim ersten, dem programmatisch
vorangestellten Text: „der körper ist ein
geschichtenband“ … ein anregend-gehaltvoller Titel, raum- und
gedankenöffnend. Auch die ersten zwei Zeilen der ersten Strophe kommen mir noch
ähnlich willkommen heißend, als Handreichung und Einladung in eine Gedankenwelt
entgegen:
hier liegt ein punkt,
von dem gehen fünf finger los / & kehren nur noch drei zurück.
Bildlich war ich da angekommen beim Blick auf meine offene
Handfläche und grübelnd darüber, , welches Symbol sich dadurch auszeichnet,
zwei Finger ausgestreckt zu lassen (die Pistole, der AC/DC-Teufel mit
eingeklappten Daumen, nicht: der Zeigefinder, nicht: der Fuck-You-Mittelfinger).
Angeregt war ich zu einem Themenkreis des Verlorengehens (der Heimkehr der
Verbliebenen – Überlebenden oder Gescheiterten), um dann in den nächsten zwei
Zeilen allein gelassen, vor den Kopf gestoßen zu werden:
was allseits vom fuß
in den magen geriet: / wir erzählen‘s im ziehn von tentakeln
Nicht die Bilder selbst waren es, die mich verwirrten (das
etwas – unabhängig vom allseits – vom Fuß in den Magen geraten könnte, vermag
ich mir vorzustellen, ebenso das Ziehen
von Tintenfischtentakeln), sondern das machte der Eindruck, dass mich der Text
hier bewusst als Leser fallen lässt; er sich bewusst einer konsistenten,
aufeinander aufbauenden, im Sinne eines Kameraschwenks verbundenen Bilderwelt
verweigert. Ich sollte, so trat mir das Gedicht plötzlich gegenüber, mich
schwertun, mich verlieren in Rätselworten und -collagen. Bewusst, so schien mir
dann auch beim weiteren Lesen im Gedichtband, wollen Callies‘ Gedichte nicht
einfach sein. Sie wollen erarbeitet werden oder anders: akzeptiert hermetisch
bleiben … ein Geheimnis bewahren, eine eigene, sich erst spät oder gar nicht
auftuende, Metaphernwelt seltsamer Beutel. Denn noch weiter ging es (zweite
Strophe und abschließend, dritte Strophe):
& erzählen vom
schweiß als vollem gefäß, / vom rausbrechen der fußstücke als leichtester
übung./ wir trocknen die haut am stück / & hängen sie in beuteln auf,
erzählen wir’s also in beuteln//
& wo landen die
beutel, auf den abort geraten? / in der tonne, in ‘nem becher oder einem
spucknapf gar? / in buchattrappen, vollen kehlen? Wir haun darauf. / im losen,
glaub’s mir, hörn die geschichten tentakelärmlig auf.//
Persönliche Bekenntnisse mögen zwar in einer Rezension nicht
recht passen, aber zur Erklärung meiner Schwierigkeiten mit Callies‘ Texten scheint
es unerlässlich: Ich tue mich immer schwer damit, Bilder körperlicher
Verstümmelung oder Versehrung (Folter, Krankheit, Tod) an mich heran, in mich
hineinzulassen. Sei es in Filmen, in Büchern oder in Nachrichtensendungen –
oder eben nun bei Callies (Rausbrechen von Fußstücken, der Körper als leerer
oder schweißvoller Beutel, zerplatzend). Dass hier abgedruckte Eingangsgedichts
ist noch ein eher schwaches Beispiel. Andere Gedichte sind wesentlich
eindringlicher, konkreter in der Fassbarmachung von einem (normalen,
alltäglichen, allgegenwärtigen) Siechtum. Damit kein falsches Verständnis
aufkommt: Die kranken, die hässlichen Seiten der leiblichen Existenz sind
keineswegs das Hauptthema oder der Grundtenor des Gedichtsammlung von Carolin
Callies. Gegenständlich geht es „einfach“ um die normale klebrig-feuchte,
geruchshaltige, sinnlich konkret erlebbar Seite der Existenz. Das steht schon
im Titel des Buches „fünf sinne & nur ein besteckkasten“, der zugleich eine
Inhaltsangabe über das Buch mit seinem sechs Kapiteln ist, in denen, soweit es
sich klar voneinander abgrenzen lässt, das Riechen, Schmecken, Sehen, der Tast-
und der Orientierungssinn und schließlich das Nachdenken darüber (sortierend)
„verhandelt“ werden. Insofern steht ja schon auf dem Buch, was darin ist … nur
wie nahegehend, wie herausfordernd und konfrontativ dies meine eigene
(unbewusst-impulshafte, verdrängte?) Körperfeindlichkeit tangiert, das war
nicht vorauszusehen.
Kurz gesagt: Callies legt mit ihrem Debut-Band eine Sammlung sprachlich-ästhetisch ansprechender, gehaltvoll durchgearbeiteter, bewusst schwieriger Gedichte vor, die mir (!) wegen ihrem mich (!) provozierend-verstörenden Gehalt nicht gefallen können, die ich (!) ungern an mich heran, ungern in mich (!) hinein lasse … aber gerade das macht sie (meine Widerstände reflektierend) auch besonders und empfehlenswert, verleiht ihnen Schärfe und persönliche Brisanz.
Carolin Callies (2015), fünf sinne & nur ein
besteckkasten. Gedichte. Schöffling & Co., 111 Seiten, Hardcover mit
Schutzumschlag, 18,95 € (D), ISBN: 978-3-89561-448-4
Wiederveröffentlicht: Rezensionen zu Björn Kuhligk und Maarten Inghels bei hochroth
(NACHTRAG: Inzwischen ist die Plattform fixpoetry als Gründen mangelnder Finanzierung offline gegangen; die dort ursprünglich im November 2014 veröffentlichte Rezension wird deshalb hier im Beitrag eingefügt)
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Zwei auf einen Streich – Björn Kuhligk und Maarten Inghels bei hochroth
Das vergleichende Besprechen von Lyrikbänden hat den Vorteil, dass das eigene Behagen und Unbehagen an einzelnen Texten besser illustrierbar wird. Was in dem einen Gedicht als misslungen erscheint, kann durch den gelungenen anderen Versuch, die andere Stimme klarer benannt werden – als durch den bloßen Verweis auf (notgedrungen) abstrakte Kategorien und allgemeine poetologische Beurteilungsmaßstäbe. Hier also nun: Björn Kuhligk und Maarten Inghels im Kontrast.
Da es mir – als dem Literaturbetrieb fernstehender Hobbyrezensent – zuweilen schwer fällt, angesichts der bloßen Autorennamen und Titelnennungen in Neuerscheinungslisten, im Voraus abzusehen, welche der neuen lyrischen Stimmen mich interessieren / begeistern könnten, lasse ich mir bisweilen ein Überraschungspaket zusenden. Im letzten derartigen Brief von fixpoetry waren gleich zwei … Heftchen aus der hochroth-Lyrikreihe: der 2013 erschienene deutsch-litauische Band „Ich hab den Tag zerschnitten“ des Berliner Lyrikers Björn Kuhligk und der Band „ Es gibt keine bellende Hunde mehr“ des niederländischen Dichters Maarten Inghels aus demselben Jahr.
Schon bei meiner zuvorigen (erstmaligen) Begegnung mit dem
Veröffentlichungskonzept des hochroth-Verlages war ich begeistert: vom
klar-minimalistischen Design, vom schwarzen, seitlich beschnittenen Umschlag
mit einer runden Ausstanzung, von der (wie ich online nachlas) manuellen
Herstellung der Hefte, vom A5-Format und vor allem vom geringen Umfang.
Für Gedichtveröffentlichungen – so scheint es mir – sind 20
bis 30 Seiten genau richtig … Lyrik lässt sich nicht auf Masse, seriell (hinter
einander weg) lesen. Jeder Text verlangt zu sehr und zu berechtigt ein
eigenständig-vereinzeltes Wahrnehmen, ein langes tiefes Durchatmen. Da stört,
da irritiert eine Sammlung von über 100 Seiten: Das Gefühl – die Gewissheit –
nicht allen Texten gleichermaßen gerecht werden zu können, sich im Lesen bald
zu Erschöpfen prägt/gefährdet die Lektüre von vornherein. In dieser Hinsicht
scheinen die schmalen Gedichtbände im hochroth-Verlag wie eine Befreiung, eine
wohlwollende Einladung sich im Alltag öfter mal lyrisch begleiten zu lassen, nicht
zuletzt motiviert durch den kleinen Preis und das handliche Format.
Dass mir nun gleich zwei dieser Hefte auf dem Tisch landeten,
erwies sich dann auch in einer anderen Hinsicht als Glücksfall: Ließ sich doch
das schnell und intensiv auftretende Unbehagen mit den Versen des Einen
auffangen und kompensieren durch die Freude mit den Gedichten des Anderen. Und
vor allem, so schien mir plötzlich, würde mein Unbehagen plötzlich greifbarer,
beweisbarer und nachvollziehbarer im Kontrast zur parallelen Begeisterung (die
dann implizit, auch verdeutlichen würde, dass ich nicht per se Unmut äußere und
Verdammung, sondern durchaus – unter bestimmten, benennbaren Bedingungen – des
Lobes fähig bin).
Also offen und kurz gesagt: Während mich das Bändchen von
Björn Kuhligk schnell zum Weglegen reizte, lud mich das Heft von Maarten
Inghels je länger, je mehr zum Verweilen und Vertiefen ein (und füllte mich
zugleich mit einem einzelnen Text derart aus und an, dass an ein sofortiges
Weiterlesen kaum zu denken war). Kuhligks Gedichte erschienen mir flach und
stereotyp, bisweilen sogar lyrisch falsch, wo sich mir in Maartens Texten
glaubhaft einzigartige Situationen und Eindrücke entfalteten, um zugleich etwas
Bewegend-Überraschend-Allgemeines anzusprechen.
Mein Unbehagen an Kuhligks Poetik dagegen nährte sich fast an
jedem der elf (jeweils auch auf Litauisch abgedruckten) Gedichte. Die Verse,
Stophen und Zeilenumbrüche blieben für mich oft nachklanglos und leer – vor
allem wegen der vielen abgedroschene Bilder ohne erkennbare ironische Brechung
wie z.B. im Titel gegebenden Gedicht
„Ich habe den Tag zerschnitten“. Das sind (wiedermal) „meine Lippen /
zwei Pilger“ und „deine Füße / die verspielten Vögel“ und deuten so (für mich) statt
auf ein Erleben auf eine ausgedacht-erwartungsbedienendes Wortkneten. Besondern
fern, falsch und verräterisch erschien mir in selben Gedicht die Wahrnehmung
(durch die Satzkonstruktion etwas verrätselt) „und zwei Augen deine Brüste /
mit denen du mich liest“. Erkennbar wurde so für mich, wo DER SPRECHER dieser
Verse seine Aufmerksamkeit und seine Augen hat und wie abgerückt er liegen
muss, um die zwei Brustwarzen zugleich in den Blick zu nehmen (bzw. von ihnen
gelesen zu werden).
Auch andere Gedichte demonstrieren, dass die Frauen (die Anderen) für das Ich der Texte eher Objekt als Subjekt sind („die Frau wärmt sich vor“, S. 14). Insbesondere am Gedicht über „Die sieben Geliebten“ lässt sich dies illustrieren.
DIE SIEBEN GELIEBTEN
// Die erste liegt / mir auf dem Schoß / vor blutigen Tagen // die zweite geht
mir / stotternd aus dem Sinn / und bündelt die Jahre // die dritte ist ein
Garten / entzündet von Vogelschreien // die vierte gibt es nicht // die fünfte
sagt Liebe / und ich glaube es nicht // die sechste trägt / Kusskantaten auf
der Brust // die siebte geht / und zerstört die Woche //
Der Text beinhaltet wenig mehr als eine Liste von Frauen (die Doppeldeutigkeit zu Wochentagen scheint mir allzu belanglos und nicht weit zu tragen), die da jemand hatte, als Anlass für eigene Lust und eigenes Leid und poetische Reflektionen darüber, die aber nicht durchgeführt, nur zweizeilig angedeutet werden, und vor allem keine Entwicklung / Veränderung des Ichs implizieren (warum er zum Beispiel solche Berge an Verflossenen hinterlässt).
Generell ist mein Problem mit Kuhligks Texten, dass ich ihm zwar glaube, dass das, was er dort beschreibt, ein reales Erlebnis oder eine gewesene Empfindung sein kann. Doch das lebt nicht, das atmet sich nicht für mich aus den Texten; es hat kein Geheimnis. So mag es die Russin aus dem Gedicht „Sie macht am liebsten Pasta“ wirklich geben, doch mehr als eine – unterschwellig furchtbar stereotype – Skizze über diese, eine Person kann ich nicht erkennen: nichts was auf etwas Allgemeines verweist in diesem besonderen Fall.
Wie anders, wie nährend, wie irritierend und beglückend sind dagegen die Themen und Verse von Maarten Inghels. Insbesondere das dreiteilige Gedicht „Ein Foto wurde gefunden, auf dem du lachst“ hat mich schnell für diesen Autoren eingenommen. Erst nach und nach enthüllt sich hier die Situation einer Totenwache, was dem sinierend-fragenden Monolog des lyrischen Ichs erst einmal ein beinahe irreales Schweben ermöglicht, in dem ich als Leser meine eigenen Anschlüsse / Assoziationen einpflege, was hier sein/passieren könnte – eine selbst hinzugesetzter Gegenhorizont der Textinterpretation, der durch die zunehmende (nicht als Clou oder düstere Pointe eingeführte) Verdeutlichung der Sprechersituation nicht verloren geht, sondern als weitere Ebene dem Text eingewoben bleibt. Dass so etwas gelingt, scheint mir eine besondere Fähigkeit des Autoren. Seine Verse (be-)rühren; sind auch ohne sofort erkennbare reale Verortung in mir (philosophisch interessierten, eher verkopften) Leser anschlussfähig; Wurzeln irgendwie in etwas von mir geteiltem, archetypischem. Zur besseren Erläuterung vielleicht: der Einstieg (die erste vier Verse von Teil I) in das gerade erwähnte mehrseitige Gedicht.
Wir können sagen, dass du immer noch / deinen Namen kennst. Ich vergesse / schon mal mein Alter, doch immer // kommt es in Schüben zu Bewusstsein: so alt / einerseits und mein Kopf weiß andererseits, / dass jeder mal länger zum Nachdenken // braucht. Das du so leben willst / in diesem furchtbaren Licht, wie ein Geist, / sagen mache. Doch ich meine, du seist eine // Puppe, die noch da ist, zu der gesagt wird: / Der Wahn des Tages, Namen, ein Vorfall im Bus – / aber immer kurz und schnell ein Kuss. //
Schon angesichts der einzelnen Verszeilen, der tieferweisenden Umbrüche, des sich schrittweise entfaltenden Bedeutungs-Kosmos könnte ich Schwärmen – wenn eine solche Behauptung von Leichtigkeit nicht grundlegend im Widerspruch stünde zum fesselnd-gedankenschweren Gang und Sog der (von Janet Blanken ins Deutsche übertragenen) Verse, die sich – und das ist als Qualitätsmerkmal gemeint – nicht auf einen einfachen Nenner bringen lassen. Man könnte sogar sagen, die Lyrik von Maarten Inghels ist derart dicht, dass die in dem hochroth-Bändchen versammelten vierzehn Texte fast zu viel sind, die Gefahr über die Begeisterung für den Einen, die Würdigung des anderen zu vernachlässigen schon zu groß …
Der Kontrast zu den Gedichten von Björn Kuhligks kann kaum
größer sein (hier hätte ich mir letztlich noch mehr Texte gewünscht, in der
Hoffnung auf eine besondere Nuance oder Entdeckung). Die Aufklärung dieser irgendwie
fundamentalen Differenz beider Lyriker steckt für mich in einem weiteren
Gedicht von Maarten Inghels, das als erster Text den hochroth-Band
programmatisch einleitet, und den ich mir auf Kuhligksche Art gefühlt und
formuliert zukünftig wünschen würde.
ACHTSAM // Der Dichter sollte immer darauf achten, / vor allem zärtlich zu sein. / Täglich für sie aus dem Himmel fallen wollen, / dafür sorgen, dass der Jazz seine Muskeln weniger stramm macht. // Er sollte immer darauf achten, dass / es ausreichend Ablenkung für / unser Herz gibt, wir die Verse des Dichters / noch in das Ohr einer Frau flüstern können. // Er sollte immer darauf achten, / manchmal schwach zu sein, / damit der Wind es von seinem Gehör gewinnt, ihm / Sätze einflüstert, womit er einen Körper // um seinen Finger baut. / Wonach der Dichter sagen kann: Oh, umarme mich, / so bald bin ich noch nicht vorbei.//
Maarten Inghels: Es gibt keine bellenden Hunde mehr. Aus dem Niederländischen von Janet Blanken. Tübingen: hochroth-Verlag, 2013, 28 Seiten, ISBN 978-3-902871-33-6, 6,00 €, http://www.hochroth.de/3124/es-gibt-keine-bellenden-hunde-mehr/
Björn Kuhligk: Ich habe den Tag zerschnitten / Es sagriezu dienu. Deutsch/Lettisch; übersetzt von Amanda Aizpuriete. Riga: hochroth-Verlag, 2013, 23 Seiten, ISBN: 978-9934-8383-0-9, 6,00 €, http://www.hochroth.de/3151/bjorn-kuhligk-poesietransfer/
Wiederveröffentlicht: Rezension zum Essayband "Irgendwas mit Schreiben. Diplomautoren im Beruf"
(NACHTRAG: Inzwischen ist die Plattform fixpoetry als Gründen mangelnder Finanzierung offline gegangen; die dort ursprünglich im März 2014 veröffentlichte Rezension wird deshalb hier im Beitrag eingefügt)
Irgendwas aus meiner kleinen Welt.
Ex-Studierende reflektieren ihre Gegenwart
Als Florian Kessler seinen (ich sag mal: reißerischen) Essay zur Bedeutung von Arztsöhnen in der deutschen Gegenwartliteratur in der ZEIT vorab veröffentlichte, waren es nur neun weitere Beiträge, die in dem von Jan Fischer und Nicola Richter herausgegebenen e-book „Irgendwas mit Schreiben. Diplomautoren im Beruf“ bei mikrotext enthalten sein sollten. Jetzt – wo das Buch erschienen ist – sind es vierzehn Texte geworden, allesamt von ehemaligen Studierenden des „Kreativen Schreibens“ aus Hildesheim und Leipzig und alle – irgendwie – zu der Frage, wie es sich mit dem Schriftstellerdiplom in der Tasche so lebt. Da ist wohl von Mitte Januar bis mindestens März 2014 – irgendwie – bei weiteren Personen der Anreiz gewachsen, doch bei diesem Anthologie-Projekt mitzuwirken, und bei manchen Texten (vor allem dem von Stefan Mesch, indirekt auch bei Jan Kuhlbrodt), merkt man dies dann auch. Aber vielleicht täuscht das. Vielleicht stehen die Themen und Thesen, die Kessler in seinem eigenen – vorab schon so intensiv debattierten – Beitrag bearbeitet, einfach im Raum … unabhängig von seinen sprachlichen Zuspitzungen auf das Label „Speck-Lit“: Thomas Klupps satirischer Text einer allgegenwärtigen Unterwanderung und (feindlichen?) Übernahme des deutschen Literaturbetriebs durch Schreibschulabsolventen (Schreibschule immer & überall) kommt auch ohne die bildungsbürgerliche Ingroup-These Kesslers aus … und auch Stefan Mesch spricht auf sich und seine Freunde beim Journal BELLA triste bezogen davon, dass Ann Cottens Bezeichnung als „Hildesheimer Bubi-Mafia“ ganz passend sei … Aber stopp! Es tut der jetzt erschienenen Textsammlung nicht gut, sie als weiteren Beitrag zu Florian Kesslers Polemik zu lesen. Diese ist zwar – unverändert gegenüber der Zeit-Publikation – in dem Band enthalten, aber gerade nicht als voranstehender Leittext und Bezugspunkt aller anderen, sondern als nur einer von vielen (der elfte von vierzehn) und als der, den man schon von woanders kennt. Wegen Florian Kesslers Beitrag muss man das Buch also nicht lesen oder kaufen. Wie sieht es also mit den anderen aus? Ein Überblick mit gerafften Einschätzungen:
Der erste Text im Band stammt von Jaqueline Moschkau und trägt den der Titel: „Vorwort zur literarischen Lebenskunst“. Die – auch im Ankündigungstext aufgebaute – Erwartung einer Einleitung in das Anliegen und die Struktur des Bandes wird allerdings enttäuscht. Zu lesen ist eine umständliche und unmotivierte Rezeption von Ansätzen einer Lebensphilosophie seit der Antike, deutlich in Nachfolge von Wilhelm Schmid, mäßig strukturiert durch übergroße Fragen wie „Was ist der Sinn des Lebens?“, „Was ist Glück?“, die schließlich – angeleitet durch ein Virgina-Wolff-Zitat, dass auch Dichter etwas essen müssen –bei einem Wunsch nach (Planungs-)Techniken der produktiven Verbindung von Gelderwerb und kreativen Freiräumen im Alltag landet. Zum Schluss folgt dann noch ein Sprung in kryptische Abstraktion, der einen – zusätzlich zu den grammatikalisch unklaren Sinnanschlüssen – hilflos aus dem Beitrag entlässt. Zitat: „Vielleicht ist eine Philosophie der (literarischen) Lebenskunst die Romantisierung, ja sogar Utopisierung der Theorie. Wohl eher ist es aber der Kompass, der – wenngleich mit zitternder Nadel – die etwaige Richtung in ein bejahenswertes Leben angibt.“ (S. 13 im PDF)
Danach kommt ein – wie sagt man es freundlich? – unförmig-waberndes Brainstorming von Stefan Mesch mit dem passend-selbstbezüglich-selbstreflevien Titel „Stefan Mesch ist krass drauf“. Die tragende Idee des Textes ist simpel: Hundert durchnummerierte Abschnitte (Sinneinheiten) in Form eines abwärtstickenden Countdowns aufeinander folgen zu lassen – irgendwie zum Thema „Wie ich – Stefan Mesch – leben will“ als Schriftsteller, Blogger, Rezensent usw. usf. Nach spätestens zwanzig „Sinneinheiten“ (bei Nummer 79 ungefähr: „Ich will keine Pflanzen. Ich will keinen Garten“) hat man es als Leser durchschaut und begriffen: Ok, das geht jetzt so weiter, noch weitere 24 Seiten additives Gelabber, manchmal sich sprachlich-poetisierend erhebend, manchmal auch einfach nur als Teaser und Linkverweis für das, was man anderswo von Stefan Mesch lesen kann. Neben der Link-Aufzählung von lesenswerten Beiträgen der Florian Kessler-Debatte (so scharfsinnig-sezierend wie der von Peer Trilcke ist wirklich keiner) und dem auch in anderen Texten wiederkehrenden Hinweis, dass Krankenversicherungen für freischaffende Schriftsteller/ Kulturjournalisten irgendwie ein Thema sind, konnte ich dem Text nichts entnehmen – außer einer zunehmenden Ablehnung gegenüber dem mir hier präsentierten selbstbezüglichen Typen, der alles möglich will und macht (was er will) und dann noch meint (so im Nachsatz in eckigen Klammern nach – endlich – Eintrag 001): dieser Text wäre es wert, „geteilt zu werden“, diesem – egozentrischen Labber-Typen würde man „auf Facebook folgen“ oder „im Jahr 2016 einen Roman von ihm kaufen“ wollen (S. 43 im PDF). Werbungen um Sympathie sehen anders aus: Hier sucht einer nach nichts als Verehrern, die naiv – kleingläubig – genug sind, aufgeblähte Arroganz und Ignoranz für den Beweis von Talent und Genie zu halten …
Anschließend trägt Thomas Klupp eine – im Kontrast zu Mesch prägnante, rasante und viel zu kurze – Kolumne bei mit den Kernthesen einer a) Desillusionierung der Suhrkamp-Bestseller-Schriftsteller-Träume für die Masse der Schreibschulabsolventen (als kollektiver Abstieg in die Niederungen des Realen) und b) des gerade deswegen unaufhaltsamen Sieges des Mittelmaßes im Literaturbetrieb, da die so von den goldenen Trögen vertriebenen Nachwuchsschriftsteller – notwendig – auf sonstigen Posten beim Verlegen, Besprechen und Bepreisen von Literatur ausweichen werden (etwas anderes „als irgendwas mit Schreiben“ können sie ja nicht). Die – sicherlich von Klupp nur ironisch als leuchtend bezeichnete Zukunft ist dann die der „Schreibschule für immer & überall“. Insgesamt ist dieser Text irgendwie nett, aber in der ironischen Zuspitzung zugleich seltsam wieder ingroup-mäßig leer und nichtssagend, weil entweder unempirisch-unreflektiert falsch (als gäbe es seit Gründung der Schreibschulen keine Germanistik-Studiengänge mehr) oder zu unernst, ich- und risikolos. Wenn es nämlich wirklich eine Unterwandung bestimmter (sicherlich nicht aller) Bereiche des deutschen Literaturbetriebs durch Schreibschul-Netzwerke geben sollte, dann wäre Thomas Klupp ein wesentlicher mitverantwortlicher Akteur und nicht, wie die scheinnaive Sprecherhaltung im Text suggeriert, ein passiver Nutznießer oder opportunistischer Mittäter …
Der Beitrag von Sina Ness danach ist – bei allem Spott und aller Fabulierlust – erholsam klar und ehrlich: Endlich gibt hier jemand glaubhaft unverstellt Auskunft über die aktuelle Lage seiner Träume als Schriftsteller zu leben – oder genauer gesagt – der Beschwernisse, Einschränkungen und Perspektivverschiebungen, die es dabei bedeutet, Mutter zu sein. Allerdings, so unterhaltsam-persönlich und zugleich literarisch-verspielt dieser Beitrag auch ist, seine „Botschaft“ ist ziemlich klein und knapp: Kinder machen das Bücherschreiben nicht leichter, geben aber gerne Feedback zur sichtlichen Erzähllust der Autorin. Zitat des Schlusssatzes (ursprünglich in Klammern): „Mama, deine Geschichte hat mir so gut gefallen, dass ich fast eingeschlafen bin!“ (S. 54 im PDF)
Mirko Wenigs Text „Aus dem Alltag eines Fast-Food-Journalisten“ fällt ebenfalls in die Kategorie „Im Zweifel lieber spaßig“. Nach seinem Schreibschul-Studium hat er scheinbar einen Posten als Wirtschaftsjournalist bei einem Online-Portal gefunden und – nunja – die Art des dort verlangten Schreibens ist doch recht fern von seinen literarischen Ambitionen oder auch seiner lebensnahen Empathie (z.B. einer Aufmerksamkeit für tote, von Würmern zerfressene Igel). Durch den angeschlagenen Tonfall – einem umständlich-naiven Welterklärungston gegenüber Kleinkindern (z.B.: „Manchmal ist der kleine Mirko ganz toll traurig.“, S. 59 im PDF) – wird die inhaltliche Selbstoffenbarung allerdings sofort negiert und zurückgenommen. Denn natürlich ist der wirkliche Mikro kein „kleiner Mirko“; das ist alles nur Show, Übertreibung, Verstellung für den Zweck – nunja – einen Beitrag für eine Anthologie zum Thema „Diplomschriftsteller im Beruf“ zu verfassen. Das soll, das kann man nicht so ernst nehmen. In einem kurzen Nachtrag zum Text verweist Mikro Wenig dann noch darauf, dass er auch etwas als Erwiderung zum Beitrag von Florian Kessler zu sagen gehabt hätte, dies aber nicht hier, sondern in seinem Online-Blog getan hat …
Der folgende Text ist anonym veröffentlicht – wie den biographischen Autoreninformationen am Schluss des Bandes zu entnehmen ist – vor allem, um den letzten Arbeitsgeber nicht Anlass zu geben, das ausstehende Arbeitszeugnis anders abzufassen. Das wirkt brisant: scheinbar gab es bei der vorletzten oder vorvorletzten Anstellung der Autorin einen Chef strombergischen Kalibers … Formell ist der Beitrag, der einer Zusammenstellung von Tagebucheinträgen ähnelt, anregend kompliziert gebaut. Ständig wird zeitlich vor und zurück-springend aus einem anderen Jahr von einem anderen Job berichtet, wobei anfangs zwei parallele „Karrieren“ zu existieren scheinen: die der Journalistin und die der Barkeeperin, die sich allerdings – so suggeriert zumindest der Textverlauf – sich nach „Umwegen“ über einen engagierten Regionaljournalismus erfolgreich zu einer herausgehobenen Tätigkeit im Bereich Lobby-Journalismus für Ernährungsfragen bzw. Pressesprecherin zusammenfinden. Sogar für eine Nebentätigkeit als selbstständige Autorin scheint die neueste – ideal verantwortungsreiche, super bezahlte zukünftige Stelle – Raum als auch wertschätzendes Verständnis zu bieten. Wäre nicht der erste – ebenfalls auf das Jahr 2013 datierte Abschnitt, der von einer Bore-Out motivierten Flucht in eine Wochenend-Barkeeper-Tätigkeit irgendwo auf einen 2000er Berg spricht, man könnte diese Erzählung als ein etwas windungsreiches, letztlich aber doch gelingendes Ankommen im Beruf lesen, mit einem zunehmenden Abschied und an den Rand-Drängens der Perspektive literarischer Autor zu sein. Aber – wie gesagt – wäre dieser Textanfang nicht, in dem neben dem Wunsch endlich die Diplomarbeit fertig zu bekommen (!) auch von einem eigentlichen Leben als Schriftstellerin die Rede ist, man würde der Erfolgsgeschichte fast verfallen. Was für eine wunderbar-doppelbödige und ehrliche Erzählung, die auch selbstkritische Offenbarungen von arrogant-karrieristischen Überlegenheitsgefühlen gegenüber Minderarbeitern mit geringerem Engagement und journalistischem Anspruch nicht ausspart!
Kontrastiert wird dieser – irgendwie tiefergehende – Text durch den nachfolgenden – ich sag mal – lustig-absurd-wirkungsorientierten Poetry-Slam-Beitrag von Lino Wirag mit dem Titel „Rosette, Karlheinze und Adonius hotten zu DJ Retarded Tetris“, der mit dem eigentlich alles sagenden Klammertext abbricht: „[endet hier wegen Unsinns]“ (S. 90 im PDF)
Wiederum ernsthafter, an einer ehrlich-literarischen Aufarbeitung einer Lebensgeschichte (womöglich der eigenen) interessiert, zeigt sich der anschließende Text von Alexandra Müller, der, jeweils unterbrochen bzw. kommentiert von „Fiktiven Gesprächen am Gartenzaun“ zwischen der Mutter und einer Nachbarin, vom Berufseintritt einer Schreibschulabsolventin berichtet, die sich immer wieder hadernd und neu entdeckend schließlich für etwas „richtiges“ – ein Radio-Volontariat – entschieden hat; eine Jobbeschreibung, die die Mutter endlich auch über den Gartenzaun hinweg freudig-offensiv kommunizieren kann.
Der folgende Text von Johannes Schneider (Das Lesen der anderen. Fünf Lektionen) ist vergleichsweise analytisch angelegt: Das Schriftstellerstudium wird als Gelegenheit nicht nur der Übung, sondern auch der Selbstvergewisserung, des Verlusts von Illusionen und schöntuenden Manierismen beschrieben. Positiv hervorgehoben wirddie eigene Ziel- und Rollenfindung als nicht-schriftstellernder Journalist, der als Ex-Schreibschulstudent besonders um die Notwendigkeit und Möglichkeit einer Verbesserung von Texten weiß.
Auch Jan Fischer, der Herausgeber des Bandes, trägt eine Lebensgeschichte bei – die seines Studienabbruchs, weil es ja auch ohne Abschluss mit dem bezahlten Multifunktionsschreiben gut zu laufen schien und alles in allem immer noch läuft – mit Nacht-Job im 4-Sterne-Hotel als Barkeeper und gelegentlichen Speisezettelbeschränkungen auf Nudeln: der (!) Roman ist fertig, renommierte Zeitschriften drucken weiter seine Beiträge und als mit weiteren Aktivitäten Luftgitarrist und Rampensau scheint er auch zeitlich gut ausgelastet. Kurz: Hier lebt scheinbar einer den Traum der künstlerischen Selbstständigkeit – keineswegs immer überglücklich und sorgenfrei, aber mehr darf man wohl kaum erwarten bei real gelebten Träumen. Jan Fischer scheint das zu ahnen.
Dann folgt der Beitrag von Florian Kessler, über den hier nichts mehr gesagt sein soll: Man kennt ihn ja schon aus der Zeit.
Martin Spieß (Wohlan, wenn es euer Begehr ist) kann von einem noch erfolgreicheren, weil finanziell weitaus gesicherteren und leichteren Eintritt in eine Künstlerexistenz berichten: Die biografische Nische einer Nerd-Existenz als Rollenspieler habe ihn quasi anstrengungslos-explosionsartig zu lukrativen Auftrittsmöglichkeiten als Bänkelsänger auf Mittelaltermärkten und schließlich zu einer Liedermacher-Karriere geführt, die er und sein Mitstreiter im Duo nun in Richtung auch aktuell-politischer Songs fortführen werden. Der als Teaser abgedruckte Liedtext vom kleinen Nazi kann – nun ja – höhere lyrisch-formale Ansprüche, was Rhythmus und Reime angeht, nicht wirklich befriedigen. Aber auch als Beitrag zum Antifaschismus verbleibt der Text auf der Ebene von Stereotypen und Ressentiments, die allein deswegen beklatscht und belacht werden dürften, weil der Feind, der Unhold – der Nazi – sowieso verachtenswert, böse und dumm ist. Natürlich darf es in einem freiheitlichen Kulturbetrieb auch das geben, und sicher ist es nett, wenn es sich davon leben lässt, aber …
Jan Kuhlbrodt kommt nun nicht aus Hildesheim, sondern vom Leipziger Literaturinstitut und auch ansonsten, das betont er, aus dem Osten. Das führe zu einer grundsätzlich anderen, gebrocheneren Perspektive auf intellektuelle Milieus, deren anstrebenswert sozial höhere Stellung mit einer DDR-Biographie als weniger selbstverständlich erscheint. „Schriftsteller sein“, so summiert er am Ende seiner Laufbahnerzählung schließlich (S. 134 im PDF), „sei ein Privileg.“, also – ich interpretiere – etwas Unverdientes, ein Geschenk der Gesellschaft, die eine solche Existenz zulässt, toleriert oder sogar wertschätzt, aber eben nicht auch noch dafür sorgt, das Schriftsteller ein gutes Auskommen und keine Sorgen haben. Sich für ein Leben als Schriftsteller zu entscheiden, dies bedeute – ich übertreibe, die mir als Ebenfalls-Ossi sehr entsprechende Analyse Kuhlbrodts – eine Freiheit des (Sozial-) Schmarotzertums: Irgendwie, irgendwann, irgendwelche Texte zu verfassen, die dann andere Leute – Leute mit Anstellung und Verantwortung – als Bücher drucken und verbreiten. Statt einer sorgenvollen Beschwerde über eine prekär-unsichere Einkommensperspektive für Schriftsteller plädiert Kuhlbrodt so – ossihaft-radikalprotestantisch – für mehr Genügsamkeit und Demut der sogenannten Geisteseliten und für mehr Achtung für die Menschen, die Werktätigen, die mit ihrer Hände Arbeit etwas Nützliches tun.
Der letzte Beitrag des Bandes stammt von Tilman Strasser und hat die Form eines Gesprächsprotokolls beim Vorsprechen zum Schriftstellerstudium. Wiedergegeben sind lediglich die monologisierend-belehrenden Parts des Vorsitzenden der Auswahlkommission, der auf der Sachebene dem namenslosen Kandidaten die Schwierigkeiten einer Schriftstellerlaufbahn erläutern möchte, sich dabei mit ihm auf der Ebene der Du-Botschaft bzw. des Appells verheddernd – dass diese Hinweise keineswegs (oder doch) als Bedenken hinsichtlich der Eignung und des Talents des Kandidaten und Abraten gemeint seien … Das liest sich flüssig und unterhaltsam und enthält kommunikationspsychologisch interpretiert, die schöne Pointe, dass es angehenden Schriftstellern wohl unausweichlich schwer fällt, die Informationen über einen schwierigen Berufseinstieg wahr und ernst zu nehmen, weil dies mit ihrem selbstbezogenen Hoffen und Fragen konfligiert als Schriftsteller eine Entdeckung, eine Ausnahmeerscheinung zu sein …
Insgesamt gesehen ist der vorliegende Band ein bunter Strauß von Texten, die wohl alle – irgendwie – zum selben Thema geschrieben wurden, aber in ihrer Form von Lebensbericht, Farce bis Essay und von ihrem literarischen, journalistischen und inhaltlichen Anspruch derart divergieren, dass man sich an der Farbenvielfalt kaum freuen kann. Für jemand der humoristische Entspannung sucht, werden die ernst-ehrlichen Reflektionen und analytischen Beiträge stören. Und umgekehrt sind für mich, der ich etwas substanziell-systematisch Gehaltvolles zum titelgebenden Thema des Bandes (Diplomautoren im Beruf) erwartet hatte, die vielen belanglosen und insbesondere die oberflächlich-selbstdarstellerischen Beiträge schlicht ein Tort, instrumentell gesprochen: Unfreiwillig versäumte Lebenszeit.
Insofern könnte man positiv summieren: In diesem Band ist für jeden etwas dabei, der mal kurzweilig und/oder analytisch angetippt etwas als und über das Leben von Schreibschulabsolventen erfahren möchte. Wer allerdings fortführend-vertiefende Beiträge zur Kessler-Debatte sucht, wird ebenso enttäuscht, wie derjenige der an das Buch mit einem berufssoziologischen Erkenntnisinteresse herantrat. Letzteres ist umso enttäuschender als es vor allem die Eingegrenztheit der Perspektive der hier versammelten Diplomautoren (drei davon sogar noch ohne Diplom) dokumentiert. Solche ungeordnete Übergänge in Anstellungsverhältnisse nach dem Studium, wie sie hier berichtet werden, oder solcherart ungesichert-prekären Selbstständigkeits-Existenzen sind aus einer berufssoziologischen Perspektive keineswegs untypisch für geistes- und sozialwissenschaftliche Studiengänge (ohne die klassischen Professionen Jurist, Mediziner, Theologe und – eingeschränkt – Lehrer), die eben auf unklar-diffuse Berufsfelder vorbereiten. Da kenne ich zu meinem eigenen Ex-Studiengang, dem Diplompädagogen, selbst ausreichend vielfältige Publikationen, die die Normalität längerer Übergangs- und praxisbezogener Nachqualifizierungsphasen nach dem Studienabschluss dokumentieren – dabei aber systematisch darstellend, dass spätestens nach fünf Jahren die Berufseinmündung in einen gut bezahlten Dauerjob funktioniert habe (trotz aller persönlichen Sorgen und Krisen der Absolventen zwischendurch). Dies scheint nun, so lese ich die im vorliegenden Buch versammelten Texte, für Diplomschriftsteller – die doch alles in allem eher Kulturjournalisten zu sein scheinen – ganz ähnlich zu gelten. Nur sagen müsste es man ihnen mal, so dass sie solche selbstbezogenen Such- und Vergewisserungsbücher wie dieses nicht mehr vorlegen müssten.
Ärgerlich stimmt mich an dem Buch schließlich das Fehlen eines Vorworts oder einer Handreichung für die Leserinnen und Leser, die mir geholfen hätten, das eigentliche – untheoretisch-unambitionierte – Anliegen (Wir schreiben einfach mal über uns) und die Struktur des Bandes zu erschließen. Mir erscheint er letztlich wie eine willkürliche Sammlung verfügbarer Beiträge, geordnet allein durch das Anliegen für ein abwechslungsvolles Programm zu sorgen, so dass immer ein ernster auf einen lustigen und ein literarischer auf einen essayistischen Text folgen muss …
Schließlich noch eines zum Schluss – ein autobiographischer Nachtrag: Für mich was dieses Buch mein erstes e-book. Nur als solches ist es im Verlag mikrotext erhältlich. Insofern habe ich es auch dazu genutzt, für mich diese Lektüre- und Publikationsform zu erproben. Hier mein Erfahrungsbericht: Dass ich mir zum Lesen einen E-Book-Reader auf mein Smartphone installiert musste, erwies sich als kosten- und problemlos – selbst bei meinen nicht mehr allzu aktuellen und damit nicht allzu leistungsfähigen Modell. Ungünstig war es aber, das Buch auf dem Smartphone als PDF betrachten zu wollen. Die ständige Notwendigkeit zu Zoomen und zu Schieben war viel zu umständlich und nervig. Praktikabler war, das Buch im EPub-Format zu lesen. Dieses Dokument-Format erlaubt es dem Reader, die Zeilen- und Seitenumbrüche des Textes an das – in meinem Fall recht kleine Display – des Smartphones anzupassen, so dass ein Lesen bei angenehmer Schriftgröße möglich war. Das besonders Tolle bei diesem Leseerlebnis war für mich – es hat nichts mit dem Buch, sondern eher mit dem Format zu tun –, dass ich, regelmäßig viel früher wach als meine Partnerin, endlich sorglos schon im morgendlichen Halbdunkel geruhsam im Bett lesen konnte ohne eine Lampe anzumachen oder durch Seitengeblätter hässliche Störgeräusche zu erzeugen. Dass erleuchtete Display des Smartphones vor Augen, locker fingerstreichend die nächsten Textteile herbeirufend, hatte ich sehr angenehme Morgenstunden. Hätte das hier besprochene Test-E-Büchlein meinen Erwartungen entsprochen, ich wäre vollends beglückt gewesen.
Wiederveröffentlicht: Rezension zu Swantje Lichtensteins Essay "Geschlecht"
(NACHTRAG: Inzwischen ist die Plattform fixpoetry als Gründen mangelnder Finanzierung offline gegangen; die dort ursprünglich im April 2014 veröffentlichte Rezension wird deshalb hier im Beitrag eingefügt)
Schlange vom Schlage eines Essays – Swantje Lichtensteins poetische Reflexionen zum Thema „Geschlecht“
Dieses Buch, dieser Essay, dieses Gedicht will, nein: kann, ach: muss – mehrmals gelesen werden. Am Besten laut, murmelnd, jedes Wort tastend/schmeckend. Denn da, auf der Ebene des Klangs, der Assonanz, der Assoziation ist seine Heimat, sein Heimspiel, sein reich gedeckter Tisch. Scheu, spröde verweigert es sich dem schnell-haschenden Zugriff, dem allzu-leichten analytischen Verstehen von Ansichten/Perspektiven, dem Erfassen, Einordnen und Ablegen/Abheften. Es braucht keinen (verzichtet auf) EINEN Gedankengang, eine logisch-schließende Struktur von Argument zu Argumente. Es hat ja den Klang, die Fülle! Wozu ein Beweis, wozu ein Versuch zu Überzeugen, wenn die größere, die maximale Wahrheit sowie sie nur zwischen Zeilen zu finden ist, im Angesicht des schwer fassbaren, verflochtenen Ganzen. Darin schließlich, ist es klar und fordernd (selbstbewusst anspruchsvoll, bei sich seiend – selbstsicher im Zweifel): dieses Essay. Es will den ganzen Leser, die Leserin, den Mann, die Frau, den Kontakt, das Gespräch, die Beziehung …Swantje Lichtensteins in der Edition Poeticon des Verlagshauses J. Frank erschienenes Essay ist zwar nur 44 Seiten dick – in einem äußerst handlichen, zum Verschwinden in Taschen und Papierstapeln neigenden A6-Format.* Der geringe Umfang wird aber deutlich kompensiert durch die poetisch extrem dichte, ausgeformt-reflektierte Sprache, die die vorgebrachten Gedanken und Argumente beständig auf der Ebene des Klangs und Anklang verschränkt, erweitert und umbricht. Dem Essay eine Kernargumentation oder einen Kerngedanken zuzusprechen, macht somit keinen Sinn: widerspricht ihm, seiner Form und seinem Anliegen.
Orientierend über den Inhalt könnte man vielleicht auf die verschiedenen Perspektiven/Assoziationen hinweisen, aus denen Swantje Lichtenstein über das Thema „Geschlecht“ reflektiert. Einmal fragt sie – im Sinne der Assoziationskette Geschlecht = Familie / Herkunft = Art / Gattung / Zugehörigkeit – nach der Eigenständigkeit und Eigentümlichkeit des literarischen Genres des Gedichts. Zum anderen diskutiert sie das Geschlecht bzw. die Körperlichkeit des poetischen Sprecher-Ichs (dem ja als literarischem Werk prinzipiell primäre weiblich/männliche Geschlechtsmerkmale fehlen) – insbesondere im Verhältnis zur Leiblichkeit und Sinnlichkeit des bzw. der AutorIn.
Vor allem aber Thema ist die durchaus spannungsvoll-erotisch gemeinte Liebe zum Wort (zur lyrischen Verknappung und Konzentration), sowohl den geäußerten Gedanken nach als auch angesichts der intensiv durchgearbeiteten Sprache.** So sehr der Text auch mit ergänzenden – in Klammern zugesetzten – Assoziationen aufgeladen und vielfältig verflochten ist, sich einer linerar-aufbauenden Argumentationsstruktur oder gar der Orientierung des Lesers / der Leserin über das Ziel und den (Fort-)Gang der Argumentation verweigert: Kein Wort, kein Gedanke ist hier zu viel, unpassend, unproduktiv – und sei es nur aus Gründen dem Bitterernst des angestrengten Denkens eine spielerisch-ironisierende Ebene abzugewinnen.
Wer allerdings von dem Essay eine poetisch-intellektuelle Auseinandersetzung mit Mann-Frau-Stereotypen und dadurch spannungsvoll grundierten Wechselspielen der Liebe erhoffte, sucht umsonst. Dieses Themengebiet wird, wenn-dann, auf einer assoziativ einbezogenen Subebene gestreift, aber nicht – schon gar nicht klärungs- oder lösungsorientiert – behandelt. Körperlichkeit und Sinnlichkeit sind als Fundamente oder nicht zu leugnende Kontexte von Poesie „akut“ angesprochen, das biologische Geschlecht und Sexualität sind in diesem Sinne konstatiertes und unproblematisches Faktum. Die Frage der sozialen Geschlechtlichkeit (des Gender, der Geschlechterrollen) scheint hingegen in dem Essay gänzlich ausgeblendet bzw. überwunden – vor allem in der als solitär-autoerotisch vorgestellten Beziehung der Autorin zu ihren eigenen Texten bzw. zum Sinn und Zweck ihrer Lyrik. Der Leser oder die Leserin, die eine geschlechtsbezogene Rollenstruktur oder Lesart in ein Gedicht einbringen könnten, sei – so positioniert sich Swantje Lichtenstein als Dichterin – irrelevant im Rahmen ihres intensiv-sinnlichen, einsam-entrückten Arbeitens (Ernst-Spielens) am Text. Bei dieser Aussage der Verzichtbarkeit eines imaginierten Gegenübers beim Schreiben, rührt sich allerdings ein gewisser Zweifel und Widerspruch beim Rezensenten. Sich liebend (vereinigend, beglückend) im Wortgedreh verlieren, mag als Beschreibung für den Schreibprozess und des euphorisch-sado-masochistischen Glücksgefühls des Autoren dabei taugen, als Kern und Sinn des Dichtens erscheint es mir indes zu selbstbezüglich und als l’art pour l‘art zu sehr mit der Gefahr einer dekadent-elitären Entfremdung und Abschließung gegenüber der (Welt- und Vor-Ort-)Gesellschaft behaftet. Gerade die für ein komplexitätsbewahrendes Geistesleben freigestellten Intellektuellen sind – meines Erachtens – zur Analyse, Stellungnahme, Positionierung und zum Widerstand gegen reale Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten und Dummheiten aufgefordert, auch und gerade mit den literarischen Mitteln, über die sie liebend verfügend. Aber, wie gesagt, das ist nur ein Grummeln im Rezensenten, der sich in dieser Frage gerne mit der Autorin des Essays noch intensiver streiten würde. Der Essay selbst ist dafür eine wunderbar anregende und aufreizende, durchdachte und gefühlt-lebendige Basis … ***
Abschließend sei hervorgehoben: Meine Skizze zentraler Themen des Essays ist auf jeden Fall falsch (unzureichend-schief)! Jede Leserin und jeder Leser wird, dass ermöglicht und erzwingt der Text in seiner Reichhaltigkeit und Dichte, eigene Themen entdecken (abgesehen von Mann-Frau oder pornöser Erotik) und aktiv mitdenkend und mitfühlend bearbeiten können.
Swantje Lichtensteins Essay ist damit eine überaus gelungene und empfehlenswerte Einladung zu einem anspruchsvoll-intensiven Zwiegespräch zum Thema Geschlecht – fern von den soziologischen Engführungen und Schützengräben der Genderdebatte, das sich unbedingt lohnt, wenn man sich auf die wunderbare Sprache, die herausfordernde Verflochtenheit der Gedanken, den kulturgeschichtlichen Verweisungsreichtum und den feinen Humor einzulassen vermag.
Wenn alle anderen Heftchen dieser von Asmus Trautsch herausgegebenen Essay-Reihe ebenfalls dieses Niveau und diese Qualität haben, **** dann sind sie – zumindest für den Rezensenten – ein intellektuelles Pflichtprogramm. Kaum bessere Gesprächsparter wären in kurzen Moment des Wartend-sich-Versenken-Wollens denkbar. Das handliche Format, um sie ständig mit sich zu führen, haben die Büchlein schon mal.*****
Swantje Lichtenstein (2013): Geschlecht. Schlagen vom Schlage des Gedichts. Edition Poeticon #3. Berlin: Verlagshaus J. Frank, ISBN: 978-3-940249-81-4, 7,90 €.
Fußnoten:
* Zum Thema „äußerst handliches A6-Format“: Ich musste mir ein zweites Rezensionsexemplar des Essays besorgen, da das erste verschwand – und sitze nun beim Texten mit dem wiedergefundenen ersten, bedauernd, dass das zweite Exemplar mit den Unterstreichungen und Randnotizen irgendwie nicht zu aufzufinden ist.
** Hier schließt der Essay gedanklich sicherlich an Swantje Lichtensteins Gedichtsband „Entlang der lebendigen Linie. Sexophismen. Ein lyrischer Zyklus“ im Passagen-Verlag Wien (2010) an, den sich der begeisterte Rezensent vorgenommen hat, nun ebenfalls zu studieren. Ein Hintergrundgespräch mit Swantje Lichtenstein zu diesem Gedichtband findet sich hier: http://www.fixpoetry.com/feuilleton/interviews/karin-hartmeyer/swantje-lichtenstein/sprechen-wir-ueber-sexophismen (Inzwischen offline)
*** Für den Rezensenten produktiv niedergeschlagen hat sich dieses Essay auf jeden Fall auch poetisch. Ein Gedicht ist entstanden, auf das hier ergänzend zur Rezension gerne verwiesen wird: https://ruerup.blogspot.de/2014/04/schlange-von-gedicht.html
****Zu weiteren Bänden der Essayreihe, siehe die Webseite des Verlags: https://www.belletristik-berlin.de/edition-poeticon/
***** Wie der Rezensent das Verlagskonzept wahrnimmt, wird sein heimlicher Wunsch, die Essays auch als E-Book mit sich führen zu können, kaum angenommen werden. Was ausgesprochen schade ist: So kurz, intensiv und dicht wie die Texte sind, wären sie wunderbar als Aufwachlektüre auf dem Smartphone, wenn die Partnerin noch schläft und man weder Nachttischlampen-Licht machen noch mit den Seiten rascheln darf …
Video: "Pralinen" bzw. "Ich hätte gern"
Crowdfunded Poetry®
Idee hier als mein Besitz und Copyright,
Ein Patent will ich auf "Crowdfunded Poetry" -
Als meine Marke und Konzept weltweit.*
Das Angebot gilt laufend: Verhandlungssache
Ist der Preis je nach Form und Länge der
Poeme: geeignet sind für Zahlungsschwache
Haikus. Für Sonette zahlt man mehr.
Die Förderer werden aufgeführt am Schluss
Des Gedichts, das sie ermöglicht haben
Durch monetär gezeigtes Interesse.
Doch zum Kauf steht nur, dass ich dichten muss,
Keinen Einfluss gewähren Euch die Gaben
Auf das, was ich in meine Verse presse.
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* Für den Fall, dass ich mich zu spät erkläre,
Und jemand anders das Patent schon hat,
Ergänze ich, mein Antrag oben wäre
Nur ein Kunstwerk im Genre "Plagiat".
Neue Besprechung auf fixpoetry.com
Ps.: Wer sich fragt, was der Rezensionstitel "Weimar, Weimar hopsasa" soll, der im Text ja selbst nicht aufgegriffen wird - dabei handelt es sich um eine Liedzeile von Hans-Eckardt Wenzel von seiner 1989er LP Reisebilder (Das Weimar-Lied). Wenzel hätte als Lyriker sicherlich ebenfalls in dem Band Aufnahme verdient, aber diese Thema wollte ich nicht auch noch aufreißen ... Genauer lauten die ersten Verse des Weimar-Liedes: "Weimar, Weimar hopsasa, ein Museum bist du ja, das ich stock beim Schreiten".
Weimar, Weimar hopsasa – Gesammelte Lyrik Thüringer Lokalitäten
Kann man lyrisch eine
Region thematisieren, ohne in die Nähe von romantisierend-provinzieller
Heimatdichtung zu geraten? Eine Lyrik-Anthologie versucht dies am Beispiel
Thüringens mit literarischen Anspruch und durchaus namhaften Autorinnen und
Autoren – und scheitert.
Fast schien es, als könne das Vorwort zum kürzlich im
Wartburg-Verlag erschienenen Lyriksammlung „Thüringen im Licht. Gedichte aus
fünfzig Jahren“ meine Bedenken zu solch einem Publikationsprojekt einfach ausräumen.
Thüringen, so formulieren die Herausgeber Ron Winkler und Nancy Hünger schließlich
einleitend gleich, sei (lediglich – so ergänzte ich für mich beim Lesen) eine
Behauptung, eine territoriale Hypothese (wie viele andere auch – fügte ich in
Gedanken hinzu), ein Splitterganzes, das – nach jahrhundertelanger
Kleinstaaterei und vierzig Jahren Teilung in drei DDR-Bezirke – heute nun mal (per
Setzung, Vereinbarung, Konvention) Thüringen heiße; dies aber (wie die Herausgeber
entgegen ihrer konstruktivistischen Einstiegsthese und mich irritierend dann
noch hinzusetzen) „unbestritten“ (S. 5). Es gäbe vielleicht eindeutig Personen,
Wahrzeichen (Mausoleen), Landschaften und kulinarische Eigenheiten, die von
solchen, „die zu wissen meinen, was Thüringen ist“ eindeutig als thüringisch
verstanden werden. Doch, so sagen die Herausgeber (mich wieder bei meinen
Überzeugungen abholend): „Wir wissen es nicht. […] Wir ahnen etwas, ahnen uns
in die mögliche Wahrheit voran, aber wir wissen es nicht. […] Denn: Wir sind
bei den Dichtern. Die Dichter wissen andere Dinge, wissen Dinge anders.“ (S. 6)
Nein, so schien mir diese Einleitung zu versprechen, diese
Lyrik-Anthologie wird kein Reiseführer durchs Thüringer Land sein, kein
Flurbuch (ebd.). Stattdessen würden die Dichter und ihre Texte im Blick stehen
mit ihren eigentümlich verschlängelten Routen, als Gelegenheit um zu „verfolgen,
wie sich die Poesie das Land nimmt“ (ebd.), es anlegt, justiert, verändert ... frei-
und festschreibt, es ins Offene vergrößert oder sich darin einwiegt, federnd
und opak, konvulsivisch und strikt detailliert, wildernd und ordnend … „auf das
wir wach werden im Fokussieren (so ahnen wir).“ (S. 7)
So schienen mir, mich beruhigend, die Herausgeber klar um
die Gefahren einer romantisierend-verklärenden Heimat- und Naturlyrik zu wissen
und sich offensiv dem Anspruch einen lyrischen Dekonstruktion zu unterstellen.
Versprochen, schien mir, eine durchdacht-anspruchsvolle Komposition
herausragender deutscher Lyrik aus den letzten fünfzig Jahren mit mehr oder
weniger fassbarem Lokalkollorit.
Und wenn man dann die Seite umschlägt und der Blick auf die
erste Kapitelüberschrift „Unerklärliches Gehügel“ fällt und man auf den
folgenden Seiten Autorennamen liest wie Heinz Czechowski, Günter Kunert oder
Thomas Kling und auch der Text heimat
von Tom Tritschel mit den Worten einsetzt „schon
sträubt sich das maul / und spuckt aus / …“, da glaubt man beinahe, das
Buch könne diesen deklarierten oder von mir in das Vorwort hineingedeuteten Anspruch
auch einlösen. Aber wenn man dann weiterblättert ins nächste Kapitel und man
dort ausschließlich Texte mit Bezug zu Eisenach (Wartburg, Hörselberg) findet
und dann im nächsten – kurzen – Kapitel Gedichte mit Bezug zu Gotha liest
(unter dem wiederum wunderbaren Kapiteltitel „Das Ende vom Ende ist ein schöner
Gedanke“) und dann – im nächsten Kapitel – Texte zu Orten und Landschaften im Unstrut-Hainich-Kreis
und dem Eichsfeld entdeckt, dann stellt sich doch so langsam erst Verwunderung
und dann Befremden ein.
Versteckt unter poetisch immer wieder anregenden
Kapiteltiteln offenbart sich die Konstruktion des Buches als denkbar profan:
geordnet sind die über 160 Gedichte nach ihrer GPS-Code! Nicht nur das die
Kapitel jeweils separate Thüringer Regionen thematisieren. Auch innerhalb
dieser Kapitel kommt die GPS-Sortierung zum Tragen: Gedichte, die dieselben
Orte als Anlass fürs Schreiben nehmen (sei es Nordhausen, das Kloster Veßra
oder Greiz), stehen jeweils zusammengeordnet.
Das kann man im Sinne einer Vielstimmigkeit der lyrischen
Beschreibungen konkreter Orte sicherlich auch als anregend empfinden. Allerdings
hatte ich das Vorwort gerade so gelesen, dass eine solche Ausrichtung der
Textsammlung an der faktischen, scheinbar objektiven Geographie gerade nicht
gewollt war; dass man den Dichtern folgen wollte, nicht den Fern- und
Landstraßen. Noch dazu, wo diese Sortierung seltsame Folgen hat, wie die, dass
sich im äußerst umfangreichen Weimarkapitel die Altstadt-Texte mit Goethe- und
Nietzsche-Haus und Fürstengruft (André Schinkel wunderbar melodiös und
melancholisch) dann eben deutlich separieren von den geballten
Buchenwald-Gedichten. Klar: Buchenwald liegt auf einem Hügelzug außerhalb der
Stadt und wäre nicht der weithin sichtbare Glockenturm, man könnte es fast
vergessen beim Klassikerrundgang … aber wieso sollte eine Lyrik-Anthologie
dieser geographischen Vorgabe folgen? Warum vermengt sie nicht den (fast nur
ironisch ansprechbaren) hochkulturellen Stimulus und die kaum anders als
betroffen thematisierbare Auslöschungsinstitution? Warum bricht sie nicht mit
dem üblichen Ordnungsprinzip angesichts des Unüblichen?
Aber auch wenn man die GPS-Logik der Text-Sortierung
verstanden hat und versuchsweise akzeptiert, dass hier eine Region letztlich
bloß additiv als Menge von Orten auf einer Reiseroute vorgestellt und Lyrik –
bei allem Gehalt der Einzeltexte – doch nur als Begleitlektüre beim Sightseeing
angeboten wird, zeigt sich dies als höchst unbefriedigende Lösung. Denn dann
sind plötzlich lokalpatriotische Fragen aufgeworfen, wie z.B.: Wieso bekommt
Gotha ein eigenes Kapitel, Jena aber nicht? Wieso werden die protestantischen
Gegenden um Mühlhausen mit ihrer Bauernkriegs-Vergangenheit in demselben
Kapitel abgehandelt wie das eigenbrödlerisch-katholische Eichsfeld? Wieso gibt
es keinen Text zu Suhl (schließlich eine der ehemaligen drei
DDR-Bezirkshauptstädte des heutigen Thüringer Landes)? Was ist mit Sonneberg
oder Meiningen? Wieso gibt es 38 Texte zu Weimar (inklusive Buchenwald und etwas
Ilmtal) – aber nur 12 Texte zu Erfurt (plus Arnstadt, Bischleben und
Vieselbach) und bloß drei Texte zu Gera (dagegen vier Texte im selben Kapitel
zu Greiz, Greiz!)? Und wieso eigentlich finden sich nur 19 vorzeigbare Texte
zum Thüringer Wald selbst und darunter keiner (falls ich es richtig bemerkt
habe) zu Oberhof und zum Inselsberg? Und wieso wird, Achtung Klischee, meine
Geburtsstadt Altenburg in dem einzigen Text, der ihr gewidmet ist, wieder nur
aufs Skat-Spiel bzw. das bloße Skat-Vokabular reduziert? Wäre der Text nicht
von Steffen Mensching (und zudem sein einziger im Band) und wäre ich nicht seit
jeher angetan von seinem reduzierten Wortwitz, seinen klaren Beobachtungen und
seiner oft auch politischen Doppelbödigkeit, die sich in seiner „Altenburger
Elegie“ auf Beste dokumentieren („Revolution war schon / längst nicht mehr
erlaubt“), ich wäre womöglich sogar gekränkt.
Das Problem sollte deutlich sein: Wenn man eine
Lyrik-Anthologie über Thüringen als Sammlung von Gedichten zu Orten
konstruiert, setzt man sich zwangläufig ins Unrecht. Denn selbst das Argument,
dass man einfach seriös alles zusammengetragen habe und zu manchen Orten habe es
einfach nichts oder nichts von Qualität gegeben und zu anderen – wie Weimar – dagegen
ganz viel, taugt höchsten für Archivare und ist weder landsmannschaftlich noch künstlerisch
haltbar. Es scheint ein allzu technische Lösung, die zudem fälschlich
voraussetzt, Gedichte, die Thüringen thematisieren (es ins Licht setzen, von
ihm durchleuchtet sind) müssten dies auch unbedingt textlich als klaren
Ortsbezug aufweisen können. So als wäre eine Thüringer-Wald-Erfahrung nur echt
(und nachvollziehbar, zuordenbar), wenn sie konkret und spezifisch wird, also
den Namen des Waldstücks, des Berges, des Dorfes oder des Flusses benennt, an
und mit denen etwas lyrisch Inspirierendes erlebt wurde. Ist das ein sinnvolles
Auswahlkriterium für Lyrik über Thüringen oder irgendeinen anderen faktischen
oder fiktiven Raum? Sind etwa die typisch mythologisierend-historisierenden
Ausweichbewegungen der DDR-Literatur nicht auch voller Regionalbezug … durchs
Verfremden, Weglassen, Gerade-nicht-nennen? Überhaupt, was ist einem Gedicht
eigentlich der Ort, der Anlass seiner Entstehung?
Natürlich: wenn man diesen Problematisierungen folgt, provozieren
sie die Einschätzung, schon die Idee eine thematische Gedichtsammlung über
„Thüringen als Region“ (oder auch Regionen, Länder, Staaten überhaupt)
vorzulegen, wäre letztlich und grundsätzlich als unmöglich (im doppelten
Wortsinn). Und sicherlich, ich habe es eingangs bekannt, diese Skepsis hatte
ich im Vorfeld – und sie wurde nicht unbedingt gemindert durch das optisch
allzu weiße und von der Haptik her allzu glatte fette Papier. Aber da war ja
das Vorwort mit seinem Versprechen der Dekonstruktion und da waren auch die aus
ausgewählten Verszeilen bestehenden Kapitelüberschriften und da sind auch –
nicht zuletzt – die versammelten Texte selbst, die durchaus immer wieder je für
sich anregen und überzeugen in ihrer Mischung von bekannteren und unbekannteren,
älteren und jüngeren Autorinnen und Autoren.
Aber die GPS-Code-Systematik verschreckt! Sie widerlegt die
dekonstruktivistisch anmutenden Behauptungen im Vorwort: Sie unterhöhlt die
spannend-absurde Idee einer nicht, aber doch fassbaren; keinesfalls, aber doch
irgendwie abgrenzbaren Thüringer Mentalität. Wie konnten die Herausgeber nur
auf die Idee kommen, es würde erkennbar werden, wie sich „die Poesie ein Land
nimmt“, wenn man Texte nach Orten sortiert und nicht nach ähnlichen oder sich
ergänzenden, einander widerstrebenden Anliegen, Bildern, Fragen, Formen – egal
anlässlich welcher Thüringer Lokalität sie ursprünglich mal entstanden sind. Als
wäre Thüringen, insbesondere poetisch, als Landkarte abbildbar und nicht – notwendig
– wenn dann nur über Spannungen und Differenzen von Stadt und Land,
Universalismus und Partikularismus, Natur und Kultur, Verstand und Gefühl,
Moderne und Antimoderne? Oder sollten die Leserrinnen und Leser genau hier – durch
die GPS-Sortierung – verstört und zu einem eigenen, selbstständigen Schmökern
und zwischen den Kapiteln hin und her springenden Ergründen frei gelassen
werden? Haben sich die Herausgeber etwa bewusst der thematischen Durchdringung
und Handreichung verweigert und behandeln die Leserinnen und Leser letztlich auf
diese Weise als mündiger, selbstbestimmter und reflexiver, als ich es mir
trauen – als ich es für möglich und sinnvoll halten würde? Das würde meiner
Kritik wohl die Spitze nehmen und sie zurück – auf mich selbst – werfen.
Aber vielleicht sind Lyrik-Anthologien sowieso immer nur so:
Ihr Wert liegt in den versammelten Texten und Autoren, die letztlich unabhängig
vom thematischen Rahmen des Gesamtbuches je für sich gelesen werden wollen und
müssen. Und in dieser Hinsicht ist der Band ein wahres Who is Who deutscher
Lyrik der letzten fünfzig Jahre aus Ost und West: eine anspruchsvolle und
vielstimmige Auswahl, die dazu einlädt sich in einzelnen Versen, Beschreibungen
und Gedanken zu verlieren, seine Lieblinge zu finden und andere zu überlesen. In
dem vorliegenden Fall ist der austauschbare thematische Rahmen, Auswahl- und
Publikationsanlass dann eben nun: Irgendwas mit Thüringen.
Ron Winkler & Nancy Hünger (Hrsg.). Thüringen im Licht. Gedichte aus fünfzig Jahren. Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V. Band 41. Eisenach: Wartburg-Verlag, 2015, 256 Seiten, ISBN 978-3-8610-399-3
TTIP*
Des Tolerieren-Wollens, was ihr wollt.
* Text zur Protest-Lesung Wuppertaler Autorinnen und Autoren gegen das Freihandelsabkommen TTIP am 21.05.2015 im Café Ada









