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Wieder mal eine Rezension von mir: Majakowski im J. Frank-Verlag


Unter dem Titel "Majakowski zur Unzeit" bespreche ich auf dem Webportal www.fixpoetry.com den im Herbst 2014 erschienenen Gedichtband "Der fliegende Proletarier" von Wladimir Majakowski.
Hier der Link zur Rezension: .../kritiken/wladimir-majakowski/der-fliegende-proletarier (NACHTRAG: Inzwischen ist die Plattform fixpoetry als Gründen mangelnder Finanzierung offline gegangen; die dort ursprünglich veröffentlichte Rezension wird deshalb hier im Beitrag eingefügt)


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Majakowski zur Unzeit!? Boris Preckwitz übersetzt sowjetische Propaganda

Die Frage stellt sich schon: Was soll uns Majakowski, der russische Revolutionslyriker (1893 bis 1930), gerade heute – angesichts einer sich scheinbar unaufhaltsam verschärfenden Konfrontation des Westen mit Russland; eines Russlands, dass von seiner politischen Ausrichtung kaum etwas mit der früheren Sowjetunion gemein hat, aber wohl Biographien und Kultur? Warum legt ein deutscher Verlag gerade jetzt ein bisher in Deutschland noch nicht erschienenes Langgedicht Wladimir Majakowskis vor, noch dazu ein eindeutig kommunistisches Werk? Was will uns der Verlag, was will uns der Übersetzer Boris Preckwitz damit sagen? Was sollen wir verstehen? Russlands Herkunft und Gegenwart aus Propaganda und Agitation?

Ich übertreibe: Selbstverständlich ist der Dichter Wladimir Majakowski schon so sehr Teil europäischer Kulturgeschichte, dass sich das editorische Anliegen ein bisher unbekanntes Poem der deutschen Literaturpublikum zugänglich zu machen, eigentlich von selbst rechtfertigen dürfte. Zum steht diese Veröffentlichung nicht allein. Als Band 3 in der neuen Buchreihe „ReVers“ des J. Frank-Verlages neben ebenfalls bisher verborgenen Poemen von Konstantios Kavakis (1865-1833) und Wilfried Owen (1893 – 1918) bietet sich kaum Anlass für eine Deutung als irgendwie politische Positionsnahme im aktuellen Konflikt. Allerdings schützen ursprünglich apolitische Intentionen nicht vor zeitgenössischen Kontexten, Ausdeutungen und Vereinahmungsversuchen. Erschienen ist der Band schließlich im Herbst 2014 inmitten einer zunehmend vereisenden politischen Großwetterlage mit Russland als zentralem Antagonisten. Dahinein ein Gedicht Majakowskis zu publizieren, einem im Russland wohl immer noch verehrten Lyriker der revolutionär-euphorischen Anfänge der Sowjetunion, das könnte man gut und gerne mit dem schönen Wort „Chuzpe“ versehen. Irgendwie mutig, irgendwie irritierend: gegen den Zeitgeist; wie ein Hinweis darauf, die russische Literatur als Teil der europäischen Geisteswelt und als innigen Anregungs- und Bezugsraum gerade der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts nicht zu vergessen. Und kaum einer wäre wohl geeigneter gewesen als Majakowski ein solches – notwendig ambivalent-schillerndes – Signal zu senden: Majakowski, der kommunistische Agitator; Majakowski, der saalfüllende, vielgelesene Volkspoet, Majakowski, der lyrische Revolutionär, Form- und Sprachveränderer.

Einerseits, so wird am Bespiel Majakowski augenscheinlich, haben wir da eine irgendwie bedenkliche gemeinsame Tradition voll Radikalität und Ideologisierung, die man wohl gerne als überwunden und gestrig abtun würde, anderseits aber eine fortwirkende Tradition von Sprechweisen, Abgrenzungen und Verweisungen, ohne die sich die europäische Lyrik der Gegenwart kaum verstehen lässt – in ihrem Pendeln zwischen einer hermetischen Abschließung ins liebhabermäßig Gehobene und ihrer poetry-slam-förmigen Hinwendung zur Menge: Zwischen Widerwillen am und Willen zum Verstanden-Werden und Wirken-Wollen; zwischen Lyrik als elitär-geheimzirkelhaftes oder sich-verschwisternd-öffentliches Sprechen, zwischen Poetisierung als angesprochene Zielgruppe oder gesellschaftliches Reformprogramm. Und Majakowski, pauschal betrachtet, steht für jeweils die zweite, der hier sicherlich allzu stereotyp/idealtypisch einander entgegengesetzten Alternativen.

Wenn man allerdings Differenziertes über den Lyriker Majakowskis erfahren möchte, so ist dafür das im J. Frank-Verlag vorgelegte Poem „Der fliegende Proletarier“ ein denkbar ungünstiges Studienobjekt. Es ist, bei aller Sprachgewalt und -freude, die es vermittelt, wenig mehr als eine Werbeschrift zur Spendensammlung für den sowjetischen Flugzeugbau, vorgeführt a) anhand einer Zukunftserzählung über die letzte Luftschlacht mit dem amerikanischen Kapitalismus (der Moskau mit Drohnen einzuäschern sucht und erst durch eine auf regime change zielende Agitation – hier: der amerikanischen Volksmassen gegen ihre bourgeoisen Unterdrücker – besiegt werden kann) und b) anhand eine rosafarbene Schilderung des friedvoll-glückseligen Privatlebens der allzeit-umher-fliegenden Menschen danach im voll entfalteten, siegreichen Kommunismus.

Dabei kann man sich durchaus an dem hymnisch-wechselnden, pathetisch bis kecken Ton Majakowskis – von Preckwitz sichtlich engagiert und freundvoll übertragen – delektieren; auch die typisch zeilenweise eingerückte Schreibweise, der in je drei bis vier Subeinheiten gebrochenen Langverse Majakowskis lässt sich als mitreisende Rhythmisierung erkennen und genießen. Inhaltlich jedoch begegnet man vor allem dem Agitator Majakowski und vielleicht noch den typischen zeitgenössischen Phantasien einer idealen kommunistische Zukunft voller Technikbegeisterung und einer irgendwie arbeitsam-triebbereinigt-harmonisierten (weder zu sexuellen noch alkoholischen Ausschweifungen neigenden) Menschheit wie man sie auch in den utopischen Romanen der frühen Sowjetzeit findet.

Insofern legt der Verlag mit dem diesem Büchlein mehr ein zeitgeschichtliches Dokument aus dem Jahr 1925 vor, dessen Bedeutung zum Verständnis der fortwirkenden Bedeutung der Poetologie Majakowskis eher gering ist – aber als Einladung für ein intensiveres und breiteres Nachlesen, was es mit dem ehemals so berühmten Lyriker Majakowski so auf sich hat, durchaus wertgeschätzt werden kann. Dazu leistet mit Bestimmtheit auch die bewährt liebevolle Gestaltung des Buches durch den Verlag ihren Beitrag. Insbesondere die futuristisch angelehnten Illustrationen Jakob Hinrichs, schwarz-weiß mit einem deutlichen Goldton, sind als Bereicherung und Schmankerl hervorzuheben.

Hilfreich für eine vertiefte und weitere Auseinandersetzung sind sicherlich auch die dem Langgedicht beigegebenen Anmerkungen und die editorische Notiz des Übersetzers Boris Preckwitz, eine tabellarische Darstellung des Lebens und künstlerischen Schaffens Wladimirs Majakowskis im Kontext gesellschaftlicher und politischer Ereignisse sowie ein Nachwort von Jan Kuhlbrodt, das „Majakowski als Prophet“ thematisiert.

Wenngleich – hier sei ein kleine kritische Anmerkung erlaubt – Kuhlbrodts Nachwort eher als eine privatime Assoziationskette der eigenen Begegnungen mit dem künstlerischen Topos des Fliegens und der irgendwie verstreut und gegenläufig-gegensätzlichen eigenen Berührungen mit Majakowski erscheint, die letztlich zwar auf eine Verbrüderung / Vereinnahmung im eigenen Willen zum Langedicht und zum Prophetismus / Futurismus hinauslaufen, aber wenig mit Majakowski selbst als Person, Poet, Kind seiner Zeit und Kultfigur im realen Sozialismus zu tun hat. Majakowskis mündig-selbstbewusste fliegende Proletarier verwandeln sich bei Kuhlbrodt letztlich sogar zum Zerrbild ausgelassener Urlaubsreisender auf dem Weg nach Mallorca (das ewig-tumbe Untertanenvolk der bürgerlichen Eliten), deren Gegenwart er – in einer nicht anders als zynisch zu nennenden Umkehrung ihres Ursprungssinns – mit den berühmten Majakowski-Versen einer Aufhebung der Geschichte zum Besseren („Wolln die Schindmähre zu Schanden reiten“) als genusssüchtiges Marschieren in den Weltuntergang kommentiert: „Links / Links / Links“.

Womöglich missdeute ich hier aber auch Kuhlbrodts Schlusszitat. Zustimmen mag ich ihm schließlich in der These, dass man bei Majakowski die poetisch und gesellschaftlich inspirierende Kraft einer Zukunft als Verheißung sehen und lernen kann, als sich in der Gegenwart spiegelndes Versprechen, als Ansporn und Anregung zum Guten, zum Frieden, zur Verständigung, zum Leben und Leben lassen – bei Majakowski (früher einmal) hieß das eben „Kommunismus“.

Wladimir Majakowski (1925/2014): Der fliegende Proletarier. Übersetzt von Boris Preckwitz, Illustrationen von Jakob Hinrichs, Nachwort von Jan Kuhlbrodt. Edition ReVers #03. Berlin: Verlagshaus J. Frank, 124 Seiten, ISBN: 978-3-940249-62-3, Preis: 14,90 €

Premiere: Judith Bisping & Matthias Rürup

Am kommenden Sonnabend, 24.05.2014, 21.00 Uhr im Pelmke in Hagen ist Premiere: Judith Bisping (Cello) und ich (Lyrik) stellen sich erstmals dem Publikum. 
Es wird doppelt improvisiert: musikalisch und bei der Textauswahl - so dass ein spontan-empathischer Dialog zwischen Musik und Wort entsteht, der mehr sein soll als seine Einzelelemente. Mal sehen!

Literatur auf die Hand! Mein Beitrag zum Ölbergfest

Das Ölbergfest, das die Elberfelder Nordstadt, am kommenden Sonnabend (den 03.05.2014) in Beschlag nehmen wird, ist eigentlich kein Ort für Besinnung. Bei den zu erwartenden Menschenmassen, der Musik und den kulinarischen Highlights überall, ist nicht zu erwarten, dass viel Zeit und Raum für Literatur bleibt.

Das Ölbergfest ist aber auch - unabhängig von seinem heutigen Großevent-Charakter - ursprünglich gestartet als Nachbarschaftsfest; als eine Gelegenheit sich als als dem Ölberg beheimateter Verein oder Privatmensch gegenseitig einfach mal kennen zu lernen: vor die Tür zu treten, den Wohnzimmertisch und die Couch auf den Gehweg / den Bürgersteig zu stellen und so Begegnung zu ermöglichen.

An diese einfache, schätzenswerte Tradition der Nachbarschaftsbegegnung will das Literatentreffen, dessen Mitglied ich bin, mit seinem Beitrag zum Ölbergfest anschließen:  Schließlich ist es ja seit je auf dem Berg zu Hause. So haben wir uns entschieden, uns mit Tisch und Gestühl  auf der Straße vor dem "Treffpunkt" (Ecke Marienstraße / Gertrudenstraße) zu präsentieren, wo das Literatentreffen jeden letzten Sonntag im Monat zusammen kommt.

Damit wir aber nicht nur rumsitzen und nicht anzubieten haben (außer uns als Gesprächspartner oder ein paar eigene Bücher zum anschauen), werden einige von uns auch etwas zum Mitnehmen anzubieten: kleine Texte auf die Hand - als Postkarte oder kleiner Papier-Stafelstab. Von mir wird dabei ein 16-teiliger Postkartensatz zu erhalten sein mit je einem Text und einer Grafik pro Karte  - extra gestaltet und gedruckt für das Ölbergfest. Neben den schon vorhandenen Illustration zu Texten wie "Du willst mich wilder", habe ich auch einige neue Grafiken gestaltet bzw. zum einheitlichen Schwarz-Weiß-Blau bearbeitet - die ich hier zur Anschauung einmal versammle.

Endlich - beinahe - im Druck

Endlich kann ich es vermelden: Robert Voss ist mit seinen - wunderbar-doppeldeutig-hintersinnigen - Illustrationen zur 2. Auflage meines Gedichtbandes "Am Grunde ist Nacht" fertig und auch das Buchcover ist neu ... Jetzt geht es in die letzte Runde redaktioneller Durchsicht durch den Text und dann in den Druck. Versprechen kann ich so, dass ab Anfang Mai die crowdfinanzierte Hardcover-Ausgabe meines Gedichtsbandes in den Handel kommt: mit ISBN und Preis und allem drum und dran. Mal sehen, wie sich Lyrik verkauft. Vorbestellung nehme ich gerne entgegen: contact@matthias-ruerup.de


Teaser 2: Am Grunde ist Nacht

Und immer noch arbeitet Robert Voss an den Illustrationen für die durch die Crowd finanzierte zweite Auflage meines Gedichtbandes "Am Grunde ist Nacht". Im Ansatz fertig ist nun das Cover zum zweiten Kapitel mit dem Titel "Klagen" - und ich erlaube hier schon mal einen kleinen Blick auf den "Nacktfrosch unterm Leichentuch".

Und für diejenigen, die sich nicht mehr an das Vorgänger-Bild erinnert, hier noch einmal der Link auf das Teaser- Titelbild von Kapitel 1 (Kopfgeburten): Nacktfrosch ohne Durchblick.

Rezensiert: Die Alchemie des Bösen

Wer wissen will, was ich lese, wenn ich nicht wissenschaftliche Sachen oder Lyrik lese (und schreibe), der kann sich mal wieder beim Fischpott drüber informieren. Aktuell bespreche ich dort Gordon Dahlquists finalen Teil seiner Glasbücher-Triologie unter dem vieldeutigen Titel "Zum Guten Ende: Alchemie".


Ich kann auch Rezensionen!

Frisch gelesen und besprochen habe ich den ersten Gedichtband "Prokrastiniert Euch" von Marcel Maas, der im Jahr 2012 Förderpreisträger des Landes NRW für junge Autorinnen und Autoren war und mit seinem Prosa-Erstling "Play. Repeat: Ein Prosa-Set" (2012) einige Aufmerksamkeit erntete.

Nachzulesen ist die Rezension mit dem Titel "Das Ausbleiben der Revolution als Entscheidung" im Literaturportal fixpoetry: http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/marcel-maas/prokrastiniert-euch. (NACHTRAG: Inzwischen ist die Plattform fixpoetry als Gründen mangelnder Finanzierung offline gegangen; die dort ursürnglich veröffentlichte Rezension wird deshalb hier im Beitrag eingefügt)

Hier noch ein Link zum Buch und zur Leseprobe bei der Frankfurter Verlagsanstalt: http://cms.frankfurter-verlagsanstalt.de/fva.php?page&p=DE,25742 



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Das Ausbleiben der Revolution als Entscheidung – Gedichte von Marcel Maas

Zuerst einmal und allen anderen Einschätzungen vorweg:  Der Titel dieses ersten Gedichtbandes von Marcel Maas ist großartig! „Prokrastiniert Euch“, das ist ein Imperativ voller Versprechungen, Andeutungen und Irritationen, Assoziationen weckend und zerbrechend zugleich.
Einerseits verweist dieser Titel auf einen Willen zur Aktualität. Schließlich hat die Krankheit der „Aufschieberitis“ die akademischen Kreise unserer Gesellschaft neuerdings seuchenartig im Griff, nimmt man die Anzahl Abhilfe versprechender Kurs- und Beratungsangebote an Universitäten und im Internet zum Indikator. Andererseits spielt der Ausruf „Prokrastiniert euch“ mit Traditionen der Verkündigung neuer gesellschaftlicher Bewegungen; insbesondere der kommunistische Weckruf klingt an, dass aller Proletarier sich vereinigen mögen. Wenngleich – natürlich –  es wenig braucht, um den Ausruf als postmoderne Ironisierung solcher Weltbeglückungshoffnungen zu dechiffrieren. Empfiehlt der Buchtitel wörtlich genommen doch nichts anderes als: „Wählt die Krankheit!“, „Negiert die Erwartungen“, „Verbaselt die Zeit“, „Seid dysfunktional, seid dekadent!“ Geradezu ins Absurde verkehrt sind so die assoziativ angerufenen Utopien auf irgendeine produktiv-zielgerichtet angestrebte Erlösung.
Kurz: ein Buch diesen Titels, ein Gedichtband allzumal, verdient Beachtung – noch dazu, wenn es sich um das Werk eines jungen Autoren handelt, 2012 mit dem Förderpreis des Landes NRW geehrt, dem als Repräsentanten der nachkommenden Generation jedes Recht zuzugestehen ist, das Alte – das Vorherige zu Brechen und zu Verhöhnen. (Sei hier auch aus aktuellem Anlass eingeschoben und daran erinnert, dass diese Generation jüngst – durch ein streitbares Pamphlet eines eigenen Vertreters – in den Verdacht geraten ist, nichts zu sein als eine satte, gehoben-mittelständische Erbengeneration mit Schriftstellerzertifikat)
Nun – angesichts dieser überhohen persönlichen Erwartung des Rezensenten kann, nein, muss der Gedichtband nur scheitern. Aber von Lyrik, moderner Lyrik insbesondere, ein welterlösendes Traktat zu erwarten, dass wäre sowieso verspannt und überzogen. Und schließlich: Schon mit seiner Widmung entzieht sich Marcel Maas dem möglichen boshaft-überkritischen Zugriff. Gerade nicht an irgendeine, erlöste oder zu erlösende Menge Gleichgesinnter richtet sich sein anfänglicher Gruß, sondern an die eigenen Eltern. Die im Titel angedeutete Revolutionsstimmung und Generationenkonfrontation endet so schon mit dem Aufschlagen des vorzüglich gestalteten, mit drei abstrakten Bildern von Jan Paul Evers bereicherten und mit einem Schutzumschlag versehenen Hardcover-Bandes. Statt einer neuen Massenbewegung gibt es zuallererst einen Rückruf nach Haus.
Der Gedichtband besteht aus ca. 58 Texten in drei Teilen geordnet, die sich relativ leicht als zeitliche Abfolge von (1) Vergangenheit: Kindheit und Jugend, (2) Gegenwart: Studium und Jung-Autorentum und (3) Zukunft: Lebensplanung und Vision dechiffrieren lassen.
Der sich erinnernde – auf Kindheit und Elternhaus – verweisende erste Textteil trägt den Titel „Rüsten zur Jagd“, wobei unklar bzw. doppeldeutig bleibt, ob das lyrische Ich sich in seiner Jugend eher als sich vorbereitender Jäger oder bald Gejagter (aktiv oder passiv) imaginiert. Der erste Text (rotwild ein komplementär) legt zumindest die zweite Auslegung nahe ...
Alles in allem dominiert ein poetisch sehr verdichteter, sprachlich geschmeidiger, traurig-verletzter und dennoch nüchtern-distanzierter Ton. Die 18 Gedichte dieses ersten Teils geben Kunde von einem hoch empfindsamen, leidenden Ich in einer eigentlich wohlgeordneten Mittelstandswelt ohne echter Katastrophe mit einem (auswärtig) weltweit tätigen Vater, stereotyp-häuslicher Mutter und cliquenhafter Einfamilienhausnachbarschaft. Lediglich die wiederkehrende Metapher eines „weidwunden gläubiges Hand“ (S. 9, S. 13) oder wiederkehrender angedeuteter Wohnungsumzüge (S. 15, 30) verweisen irgendwie auf externe, alles infrage stellende Bedrohungen. Das lyrische Ich erscheint eher melancholisch-verletzt durch hässliche Details des eigenen bürgerlichen Wohlstands, von denen Essens- und Grillreste bzw. vollgeaschte Planschbecken noch am greifbarsten sind. Mädchen tauchen auf, teils als tontaubenschießende Feriengäste, teils im fälschlich hellblauen Badeanzug – sie werden beobachtet und umworben, bleiben aber namenlos und fremd.
Bemerkenswert ist schließlich an diesem ersten Teil das fortgesetzte (wiederkehrende) Schwanken zwischen einer zunehmend zurückgelassenen mütterlich-adligen Bilderwelt-Herkunft mit Ahnentafel, Schloss und Jagd und einer immer detailreicher werdenden technisch-faszinierenden und zugleich befremdenden, wälderrodenden väterlichen Praxis des Pipeline-Bauens. Als Summe der Kindheit und Jugend bleibt vor allem Leere, wie sich zum Schluss des Schlussgedichts des ersten Text Teils lesen lässt (evakuierung und bestand, III, S. 29):

die behälter mit knoten gefüllt
schlafen wir verbreitet die auslage
und vater spaltet das holz
wenn wir einen winter verkünden

die front an der wir liegen und von draußen
schaut der feind in bettkästen rein
die mäntel des bruders bewegen im wind

und den zufälligen beginn des morgens
durchbluten die scheite wir nagen
und bedeuten mit hellen vogelaugen
Die leer geschriebenen kalender

Der zweite Teil des Gedichtbandes, der nach Interpretation des Rezensenten, so etwas wie die Gegenwart bzw. den geraden verstrichene Lebensabschnitt des imaginierten lyrischen Ichs beschreibt, steht unter dem – ebenfalls auf Gegenwärtigkeit verweisenden – Titel: „ ein guter bekannter ist gerade keiner community beigetreten“.
Formell, thematisch und sprachlich ist der zweite Teil vielgestaltiger, wüster und vor allem, was die Position des lyrischen Ichs angeht, aktiver. Schon der erste Vers des ersten – mit römisch eins betitelten – Gedichts formuliert diesen Bruch und Neubeginn programmatisch: „dieses gedicht setzt einen herrscher ein“ – und setzt fort mit (dem irgendwie üblichen) jugendlich-jungerwachsenen Widerspruch zwischen radikaler Verneinung der christlich-bürgerlichen Wertewelt der Eltern („cancel die auferstehung,/cancel alles andere.“) und der Akzeptanz der monetären Abhängigkeit („erhalte den bonus./betreue die banken.“).
Ohne große poetische Verrätselung bewegt sich das lyrische Ich in diesem zweiten Teil des Gedichtbandes wabernd zwischen heftigem Drogen- (?), Computerspiel- und Fernsehkonsum, rauschhaft-unerfüllten Liebschaften (Dascha?), (Auslands-)Reisen und vertändeltem Inlands-Autorenstudium. Zumindest beim letzten Aspekt zeigt sich eine große Nähe zwischen dem lyrischen Ich und seinem Urheber, Marcel Maas, der zu der anwachsende Riege von Absolventen der Hildesheimer Schreibschule zählt.
Sich in den Gedichten und Themen dieses zweiten Teils überblickartig zu recht zu finden, fällt auch deswegen schwer, weil der Autor einerseits auf Überschriften verzichtet – so dass ein neuer Text nur an der neuen Seite und der neuen Bildwelt erkennbar wird (es scheint sich hier um 12 Texte zu handeln); andererseits einige Gedichte römisch durchnummeriert (von I bis XII) und wieder andere Texte mit einer Überschrift (3 Texte, ein weiterer trägt eine römische Nummer und eine fett gedruckte Überschrift) oder mit dem Signum „B“ (2 Texte) versieht – und alles dies munter miteinander mischt. Schließlich gibt es ein titelloses Prosagedicht, das anders als alle anderen layouterisch rechtbündig unten auf der Seite platziert ist.
Insofern hinterlässt der zweite Teil des Gedichtbandes bei den Rezensenten vor allem einen experimentierend-experimentellen Eindruck, thematisch einer mit Suchen befassten und verstreichenden Zeit. Dies repräsentierend sei hier das titellose Gedicht von Seite 62 wiedergegeben:

vor mittag schon
konnten wir uns wichtigerem zuwenden

wie sehr uns das original unterscheidet.

das horn an der wand war aus schweiß,

die einfuhr gewisser informationen gefahr.

das spiel aus nichts erzielte
abseits der märkte
geistige abfindung.

vor mittag schon
versiegten unsere argumente. fliehe dich fliehe wieder.
zeitreisende.
wir verbrachten den rest damit,
das internet zu nutzen, das planmäßig auslief.

Und dann gibt es den dritten Teil des Gedichtbandes, überschrieben mit „Parade und Parcours“ und plötzlich wieder klar geordnet, ein geschlossenes und hymnisch vorgetragenes Ganzes aus mit Kapitälchen von EINS bis ZEHN benannten Abschnitten, bei denen nun auch auf Satzzeichen, Großschreibung von Satzanfängen und Substantiven geachtet wird.
Durchgängig im Imperativ an eine Einzelperson verfasst und bestimmte Verszeilen und Metaphern beständig wiederholend und variierend, wird so etwas wie ein Lebensprogramm für einen angehenden Revoluzzer entworfen: es Es gelte nun im Heu zu warten („was kommt ist die Bereitschaft“), Liebhaber zu sein („Nimm dir vor, eine Frau zu haben.“) und sich zu beschäftigen mit Scheune, Faden, Hammer, Nagel, Halstuch und Stock (= Fahne) in dem eigenen – besetzt-staatenlosen – Land, Zeichen zu geben und von anderen zu empfangen, geheimbündlerisch-geheimnisvoll an einem Buch / einem Projekt des Schleusen-Öffnens mitzuwirken, in die Verfolgung zu gehen, umherzuirren, vielleicht sogar Verräter zu sein („blätter die Namen ab, sag einer sei aus.“) – und danach das Ganze zu wiederholen, mit Frau und Land und Scheune.
Was an den einzelnen Bildern und Figuren, für welche Idee und Tätigkeit genau steht, bleibt ehrlich gesagt unklar – zumindest scheint es den Autoren, weniger um ein bäuerlich-selbstgenügsames Verschwörerleben in einem Niemandsland zu gehen, sondern um eine Zukunft als Literat – als vergeistigter Zeitgenosse („Nimm dir vor, in der Luft als Geist zu amtieren.“; „Sing, dass die Knochen verschwinden.“) und dem Wort zu dienen („O Kauderwelsch, Grube eines Sterns, […] O Kauderwelsch, Grube voller Schrammen. […] Reite die Taste aus Staub.“)
In diesem dritten hymnischen Teil findet schließlich auch der Titel des Gedichtbandes seinen textlichen Anker: „Prokrastinier dich“, ist die Aufforderung an den Scheunenbauer, sich mit mehr oder weniger nützlichen Tätigkeiten ein Land, ein ganzes Tal, zu eigen zu machen. Anders als am Titel oben gemutmaßt, geht es Marcel Maas also gar nicht um eine Kollektivbildung, sondern – nur (?) – um einen Lebensentwurf für Individuen. Anders auch als – vielleicht voreilig – vermutet, besteht das hier empfohlene Prokrastinieren auch keineswegs in einer reinen dekadenten Verweigerung jeglicher sinnvoller Arbeit, vielmehr werden dem lyrischen Gegenüber des Sprecher-Ichs umfangreichere, sogar strategisch-umstürzlerische Tätigkeiten oktroyiert, die mit dem Alltagswortsinn von Prokrastination eher wenig gemein haben. Es sei denn, die versteckte Botschaft dieser hymnischen Handlungsorientierungen im dritten Teil des Gedichtbandes soll sein, dass all diese pseudo-vorbereitenden und pseudo-revolutionären Handlungen nichts anderes sind als oberflächlich-austauschbare und beliebig wiederholbare Ablenkungen vom Eigentlichen. Dieses Eigentliche könnte ja dann das Dichten sein – wenn nicht das Dichten durch den Rezensenten schon mit dem Scheunenbauen und Scheunenfüllen (also dem Prokrastinieren) assoziiert worden wäre, so dass ihm nur bleibt, die beinahe letzten Verse des Gedichtbandes beinahe auch als sich zur Verrätselung bekennende Gesamtzusammenfassung des Gemeinten anzusehen:

O Kauderwelsch, Grube eines Sterns,
sei frei gegeben, sag es auf.
Die Absuche der Welt endet hier.
Rätsel unter dem Stein.

Zu erwähnen ist allerdings, dass nach diesen Zeilen noch ein kryptisches Quadrat von 4 x 4 Vieren abgedruckt ist, das vielleicht als Dechiffrier-Vorlage für einen noch geheimeren Sinn des Hymnus gemeint ist. Zumindest als symbolisches Inhaltsverzeichnis scheint es nicht zu taugen. Zwar könnte man die Erinnerungsgedichte an die Kindheit als thematisch in Viererblöcken wiederkehrend-fortentwickelte Bilder begreifen – allerdings geht das bei 18 Texten nicht wirklich auf. Außerdem hat der gesamte Band nur 58 Einzeltexte, wenn man die zehn Abschnitte im dritten Teil jeweils einzeln zählt. Insofern verzichtete der Rezensent auf eine letzte Klärung dieser mehrwürdigen Zahlenraute – und interpretiert sie achselzuckend als abschließenden Scherz des Autoren mit seiner Leserschaft.
Und wirklich abschließend dann auch, soll noch etwas zusammenfassend-einordnend Bewertendes gesagt werden: Wenn man den vorliegenden Band von Marcel Maas nicht nur als persönliche Zusammenstellung seiner bisher besten Gedichte betrachtet, die man ähnlich einem Schreiten über eine Blumenwiese durchaus genießerisch durchstreifen kann (der Band bietet durchaus schöne und geistreiche Formulierungen und Beobachtungen wie z.B. „//bei teilweise geschlossenen lidern / halten die wimpern staubteile fern / und keiner kanns sehen //“, S. 11), sondern als programmatische Positionierung eines jungen Lyrikers, der gerade kraftvoll nachrückenden Generation, so macht sich neben der Anerkenntnis einer handwerklichen Meisterschaft des extensiven Verknappens und Zusammenpressens von Sprache und Sinn in freien, variantenreichen Versen, eher Enttäuschung breit. Denn was außer Beherrschung des Sprachlich-Formellen der Dichter eigentlich zu sagen hatte (außer über seine Kindheit) – oder schlimmer noch, was seine Gedanken, Gefühle, Eindrücke, Erlebnisse, Hoffnungen und Visionen wirklich sind, bleibt nach der intensiven Durchsicht durch die Gedichte doch herzlich fremd. Die Verrätselungen und Mehrdeutigkeiten, mit denen Marcel Maas seine Texte durchzieht, wirken ambitioniert und bedeutungsvoll – und sind doch irgendwie leblos, zumindest in den Teilen 2 und 3. Verstärkt wird diese Enttäuschung schließlich noch dadurch, dass der als Programmentwurf deutbare Hymnus im dritten Teil, keine (meiner Ansicht nach) dichterisch dauerhaft produktive Perspektive enthält: Prokrastiniert soll werden (dahingelebt?), den Spinnen nachgeschaut (was zumindest noch für ein intensives Beobachten wollen spricht), aber wo es eigentlich um Leben/Lieben/Leidenschaft/Wahnsinn gehen müsste (woraus sonst erwächst denn Poesie), bleibt nur ein irgendwie blutleer-krampfhaftes, weder Fisch noch Fleisch seiendes „Nimm dir vor, den Kuss zu machen.“ (S. 77)
Vielleicht lehrt dieser Gedichtband so dann doch etwas für und über die nachwachsende Generation der studierten Autorinnen und Autoren Hildesheimer Provinzenz: Das Handwerk ist das eine – wenn aber erst einmal die Kindheit aufgearbeitet ist, besteht durchaus die Gefahr, sich themenlos-prokrastinierend im Literaturbetrieb zu verlieren. Ob diese Mutmaßung auch auf Marcel Maas zutrifft, um das einzuschätzen, dafür muss man allerdings auf einen nächsten Gedichtband warten. Jetzt liegt erst einmal ein diskussionswürdiger, anregend-anreizender Erstling vor, der vor allem bemerkenswerte Einblicke in eine irgendwie traurig-verlorene Kindheit in einer irgendwie wohlgeordneten Wohlstandswelt bietet.

Marcel Maas (2013): Prokrastiniert Euch. Gedichte. Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 89 Seiten, mehrere Illustrationen von Jan-Paul Evers, 17,90 €.

"Vom Leben und Schweben in Wuppertal"

So sieht's also aus: Das Anthologie-Projekt "Vom Leben und Schweben in Wuppertal", in das ich einige Gedichte einbringen durfte. Morgen (18.12.2013) ist Release-Party in der Börse Wuppertal (Beginn 20.00 Uhr) - ab dann ist es käuflich zu erwerben - bei jedem gut sortierten Buchhändler .... - oder hier beim Verleger direkt: der Edition Köndgen in Wuppertal.


Kalendertürchen Nr. 4

Heute darf  ich einen kleinen Beitrag zur Adventsstimmung leisten. Türchen Nr .4 im Akustischen Weihnachtskalender ist meine Verse vorm Kamin ... 

Band 2: Im Westen angekommen

Jan hat wieder gearbeitet und auch den Gedicht-Zyklus "Im Westen angekommen" in Form gebracht. Und weil Bild und Design beim ersten mal so hervorragend waren, schließt mein zweiter Gedichtband im Eigenverlag optisch nahe an. Im Bücherregal macht sich das wahrscheinlich gar nicht schlecht!

Das Cover: Das gleiche Foto - aber diesmal in einem wunderbaren Bleu!

Heute ist Vor-Lesetag!

Heute ist Vor-Lesetag!


Heute wird's wohl kaum was werden mit neuen Gedichten: zu beschäftigt bin ich mit Zuhören und selber Vorlesen im Rahmen des wunderbaren Lesefestivals "Der Berg liest" auf dem Ölberg in Wuppertal. 

An zwei Orten werde ich auftreten: ab 11.00 Uhr im Treffpunkt in der Marienstraße 51 und ab 18.00 Uhr bei der Wohnküchenlesung von Imagine It's Art in der Hedwigstraße 23.

Übrigens: Für die Vorstellung von literarischen Veranstaltungsterminen mit mir gibt es seit ein paar Tagen eine Extra-Seite in diesem Blog ... nämlich HIER 

Hurra! Wer hätte das gedacht?

Hurra! Wer hätte das gedacht?


HURRA! Wer hätte das gedacht - auf den letzten Metern meines (ehrlich gesprochen etwas dahin-dümpelnden) Crowdfunding-Projekts hat sich ein Groß-Mäzen gefunden, der mir zur Erstellung einer bibliophilen Kleinauflage meines selbstveröffentlichten Gedichtbandes sage-und-schreibe 400,00 € (!!!) geschenkt hat. Damit war mein Crowdfunding ERFOLGREICH! 

Suppi - ich freue mich und werde nun - frisch erholt durch den Urlaub - mit Eifer an die Umsetzung gehen. Dank also an Euch, den Förderern, und ebenso Dank an alle, die zumindest geschaut und abgewogen haben, ob mein lyrisches Schaffen aktive Unterstützung verdient. 

Was bin ich froh: Die Welt will von mir was sehen - dann lass ich auch was gucken!


"Am Grunde ist Nacht" - Gedichte

"Am Grunde ist Nacht"- Gedichte 2012-13


Die natürliche Umgebung von Gedichten ist das Buch. Dies gilt auch für poetische Blogtexte, wie die hier veröffentlichten. So wird als eine Art "best of " des letzten Jahres im Oktober (zwei Wochen sind's noch) ein erster Lyrikband von Matthias Rürup erscheinen - im Eigenverlag. Der Titel: "Am Grunde ist Nacht"!

Eine bibliophile Liebhaber-Auflage könnte es auch noch geben, wenn meie Crowdfunding-Initiative erfolgreich ist. Sie läuft noch 11 Tage.


Crowdfunded Poetry - Nun aber echt!

Crowdfunded Poetry - Nun aber echt!

Ihr mögt meine Gedichte? Dann gebt mir Unterstützung! Ab 01. August 2013 läuft für 55 Tage eine Crowdfunding-Initiative mit Hilfe der Visions-Bäckerei - auf das ein erster selbst gestalteter Gedicht-Band Wirklichkeit werde.  

"Probebühne" reloaded

"Probebühne" reloaded


Da man nicht aufhören sollte, über Literatur zu reden - geht auch die
Ölberger Schreibwerkstatt "Probebühne" weiter. Hiermit seien vier Termine
in den Monaten Juni und Juli angekündigt ...


Mal was anderes ...

Mal was anderes ...


Über Gedichte muss man schließlich reden ... Deswegen lade ich gerne auf die
"Probebühne" ein, die der N
ordlicht e.V. auf dem Wuppertaler Ölberg am 25.04.2013
erstmals (und bei größerem Interesse auch öfters) veranstaltet  - Beginn 18.00 Uhr.

Mehr Informationen siehe auch hier:
http://www.njuuz.de/beitrag20204.html